Ingrid Thurnher bis Jahresende zur ORF-Generaldirektorin bestellt - epd medien

28.04.2026 11:30

Die frühere ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher ist jetzt offiziell bis Ende des Jahres zur Generaldirektorin des Senders bestellt. Der Stiftungsrat will die Wahl ihres Nachfolgers ab Januar 2027 auf Juni vorziehen.

ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher stellte am 24. April ihr Konzept für den ORF vor

Wien (epd). Die Journalistin Ingrid Thurnher ist vom Stiftungsrat des ORF bis Ende des Jahres zur Generaldirektorin bestellt worden. Das teilte der Sender am 23. April mit. Nach einem "Standard"-Bericht stimmten 31 von 34 Stiftungsrats-Mitgliedern in der Sitzung des Gremiums für Thurnher, die bereits seit März vorläufige Geschäftsführerin des Senders ist. Drei Stiftungsräte stimmten gegen sie. Die frühere Radiodirektorin des ORF hatte die Geschäftsführung übernommen, nachdem Roland Weißmann am 8. März als Generaldirektor zurückgetreten war.

Nach Angaben des ORF hatte eine Mitarbeiterin des Senders gegenüber dem Generaldirektor Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben. Weißmann bestritt diese Vorwürfe. Sein Anwalt Oliver Scherbaum teilte mit, obwohl sein Mandant die Vorwürfe bestritten habe und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgt sei, sei dieser, "um Schaden vom Unternehmen abzuwenden", mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurückgetreten.

Compliance-Bericht zum Fall Weißmann

Der ORF kündigte Weißmann nach der Prüfung der Vorwürfe. Wie der Sender am 8. April mitteilte, hatte die Prüfung ergeben, dass eine sexuelle Belästigung "im rechtlichen Sinn im konkreten Fall nicht" vorliege. Allerdings verlange der Sender von seinen Führungskräften "nicht bloß die Einhaltung zwingenden Rechts, sondern ein sehr hohes Maß an Integrität und Unterlassung jeglichen Verhaltens, das geeignet ist, dem Unternehmen zu schaden".

Weißmann kündigte laut einem ORF-Bericht eine Klage gegen den Sender an. Sein Anwalt Scherbaum forderte, dass den Mitgliedern des Stiftungsrats der vollständige Compliance-Bericht des Senders zu seinem Fall zugänglich gemacht werden solle. Die betroffene Mitarbeiterin veröffentlichte inzwischen Auszüge aus ihrer Kommunikation mit Weißmann und kündigte rechtliche Schritte gegen ihn und den ORF an.

Vorwürfe gegen Stitftungsräte

Nach einem Bericht der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" soll die geplante Wahl des neuen ORF-Generaldirektors vom 11. August auf den 11. Juni vorgezogen werden. Die Stelle soll laut ORF Ende April ausgeschrieben werden.

Der ORF-Redaktionsausschuss teilte am 16. April mit, der Sender stecke nicht nur wegen des Rücktritts Weißmanns und der Vorwürfe gegen ihn in einer schweren Krise. Es gebe Debatten über mehrere aktuelle und ehemalige Führungskräfte, "die sich offenbar unangemessen verhalten und ein toxisches Arbeitsklima geschaffen haben".

Der Redaktionsausschuss sprach vier Mitgliedern des Stiftungsrats sein Misstrauen aus, darunter auch dem Vorsitzenden Heinz Lederer und seinem Stellvertreter Gregor Schütze. Lederer leite weiterhin den Freundeskreis der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) im Stiftungsrat und Schütze den der Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Dies sei aus Sicht der Redakteure "mit einer unabhängigen Führung des gesamten Gremiums nicht vereinbar". Zudem seien beide als Berater tätig, was Vorwürfe der Befangenheit und unzulässiger Interessenkonflikte nähre.

Bedingungslose Publikumsorientierung

Thurnher kündigte nach ihrer Wahl eine weitere Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Weißmann und anderer Compliance-Themen an: "Klar, konsequent und ohne Ausweichen." Sie legte für den Sender ein Konzept mit dem Titel "Weichen stellen" vor, in dem sie unter anderem "bedingungslose Publikumsorientierung" avisierte: "Das Publikum muss im Mittelpunkt aller Programmvorhaben stehen." Zu den sechs Punkten des Konzepts gehören auch "eine klare Positionierung des ORF und die Definition seiner Bedeutung für nationale Identität, Wirtschaft und Kultur".

Der ORF äußerte sich am 27. April zu Berichten bei "krone.at" und "oe24.at", nach denen seit dem Amtsantritt von Thurnher "Beraterverträge um fast eine halbe Million Euro" beauftragt worden seien. Bei der genannten Summe handele es sich um "die Abschätzung eines maximalen Kostenrahmens bis Ende Juni". Die Beraterverträge seien zu "klar definierten Leistungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der aktuell diskutierten Compliance-Themen" abgeschlossen worden. Darin enthalten seien auch die Kosten für eine externe Meldestelle für Compliance-Themen und eine "klar abgegrenzte kommunikative Begleitung".

dir



Zuerst veröffentlicht 28.04.2026 13:30 Letzte Änderung: 28.04.2026 13:31

Schlagworte: Medien, Österreich, Rundfunk, ORF, Personalien, Thurnher, Roether, NEU

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