Gegen den digitalen Drachen - epd medien

08.05.2026 07:10

Eckart von Hirschhausen und Collien Fernandes sind Opfer digitaler Fälschungen im Internet. Zwei Dokumentationen schildern, wie solche Videos mithilfe von KI produziert werden.

ARD-Dokus mit Eckart von Hirschhausen und Collien Fernandes

Die Dokumentation "Hirschhausen und die Deepfake-Mafia"

epd Die Schauspielerin Collien Fernandes wehrt sich seit einigen Jahren gegen sogenannte Deepfakes von sich mit pornografischen Inhalten und hat das Thema digitale Gewalt an ihrem eigenen Beispiel öffentlich gemacht. Sie hat ihren Ex-Partner Christian Ulmen angezeigt und wirft ihm unter anderem Identitätsdiebstahl vor. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung, er geht rechtlich gegen bestimmte Medienberichte vor.

Sechs Wochen nach Aufkommen der aktuellen Debatte zeigt die ARD die Dokumentation "F*uck Deepfakes!" mit Collien Fernandes - allerdings nur online. Das erklärt der BR auf Nachfrage so: Die Sendung "zur Entstehung und zu den Hintergründen von Deepfakes ist speziell für die ARD Mediathek und ihre Zielgruppe gedacht, daher wird sie auch hier prominent kuratiert."

"Strukturelle Probleme"

Die Doku, erläutert ein Insert, wurde "vor der öffentlichen Berichterstattung über die von Collien Monica Fernandes ihrem Ex-Mann gegenüber erhobenen Vorwürfe konzipiert und in wesentlichen Teilen produziert". Anschließend betont die Sprecherin der Sendung nochmals, dies sei kein Film über die persönliche Geschichte von Fernandes, es gehe vielmehr um "die strukturellen Probleme dahinter".

Das wiederum ist, gelinde gesagt, enttäuschend: Im Dezember 2024 hat das ZDF, ebenfalls mit Fernandes, die zweiteilige Dokumentation "Deepfake-Pornos" ausgestrahlt. In den beiden Sendungen, die nach wie vor im ZDF-Streamingportal stehen, geht es um Hintergründe, juristische Rahmenbedingungen und mögliche Schutzmaßnahmen. Weil sich die Rechtslage nicht geändert hat, hat "F*uck Deepfakes!" im Grunde nicht viel Neues zu bieten.

Täuschend echt

Allerdings hat die Künstliche Intelligenz in den letzten eineinhalb Jahren erhebliche Fortschritte gemacht, und dieser Aspekt sorgt für die beiden fesselndsten Ebenen der neuen Sendung: "AI Artist" Paula demonstriert, wie simpel sich mithilfe eines Fotos aus dem Netz und einer kurzen Stimmaufnahme ein täuschend echtes Video erstellen lässt. Später entlarvt die Mitarbeiterin eines Start-Ups die Aufnahmen dank KI-gestützter forensischer Bildanalyse umgehend als Fälschung. Diese beiden Besuche sind interessanter als Fernandes’ Teilnahme an einem Berufsschul-Workshop oder die Gespräche über die zahnlose EU, die sich aus Furcht vor einem Nato-Austritt der USA nicht traue, konsequent gegen US-Tech-Unternehmen vorzugehen.

Die entsprechenden Aussagen sind zudem deckungsgleich mit einer zweiten ARD-Doku zum Thema, "Hirschhausen und die Deepfake-Mafia", ebenfalls von Kristin Siebert. Auch der beliebte TV-Mediziner ist ein Opfer digitaler Fälschungen: Der Arzt wirbt im Internet mit seinem guten Namen für Dutzende Gesundheitsprodukte. Das Problem dabei: Er selbst hat damit gar nicht zu tun. Selbst für geübte Augen sind die Auftritte kaum als Fälschungen zu erkennen.

Kriminell und rufschädigend

"Es ist ein ganz komisches Gefühl, sich selber zu hören und zu wissen, das habe ich nie gesagt. Und es ist gruselig, wie gut diese KI-Stimmen inzwischen sind", sagt der Mediziner. Die Fälschungen sind ohne Frage kriminell und rufschädigend, trotzdem wirkt diese Form des Missbrauchs im Vergleich zu dem, was Fernandes durchmachen musste, fast harmlos. Dennoch ist die Sendung mit Hirschhausen persönlicher, da seine Betroffenheit viel stärker im Mittelpunkt steht.

Emotional wird es in "F*uck Deepfakes!" erst zum Schluss, als Fernandes von "Verfolgungswahn" spricht: weil sie sich bei jeder Begegnung mit Menschen aus ihrem privaten oder beruflichen Umfeld frage, ob auch dieser Mann zu den Empfängern der Sexvideos gehört habe.

"Absolute Hilflosigkeit"

Meist sind es jedoch andere, die beschreiben, welche Folgen die "digitale psychologische Vergewaltigung" (Sozialwissenschaftler Dirk Helbing) für die Betroffenen hat, darunter Anna-Lena von Hodenberg. Die Geschäftsführerin von HateAid wirkt in beiden Sendungen mit. Sie spricht von einem "Gefühl der absoluten Hilflosigkeit". Fernandes sitzt nickend daneben - eigentlich sollte es doch umgekehrt sein.

Während ihr Fall vorrangig die Machtlosigkeit der Opfer vor Augen führt, hat Hirschhausen den "Kampf mit dem digitalen Drachen" aufgenommen und Meta erfolgreich im Eilverfahren vor einem deutschen Gericht verklagt. Demnach muss Meta nicht nur gemeldete, sondern auch sinngleiche Deepfake-Videos löschen und aktiv gegen deren Verbreitung gehen. Passiert sei zwar "nichts, der Betrug geht weiter", sagt Hirschhausen. Aber befriedigend war das Urteil sicherlich trotzdem.

infobox: *"Collien Fernandes: Fuck Deepfakes!", Dokumentation, Buch und Regie: Kristin Siebert, Produktion: Bilderfest GmbH (ARD-Mediathek/BR/WDR, seit 4.5.26), "Hirschhausen und die Deepfake-Mafia", Dokumentation, Buch und Regie: Kristin Siebert, Produktion: Bilderfest GmbH (ARD/WDR, 4.5.26, 20.15-21.00 Uhr und in der ARD-Mediathek)**



Zuerst veröffentlicht 08.05.2026 09:10 Letzte Änderung: 08.05.2026 09:31

Tilmann Gangloff

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KARD, Fernandes, Hirschhausen, Siebert, Gangloff, ema, NEU

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