18.05.2026 10:59
Zum Eurovision Song Contest 2026
epd Auch nach 70 Jahren kann der Eurovision Song Contest (ESC) noch überraschen: Wochenlang galt das finnische Duett "Liekinheitin" als Favorit auf den Sieg beim diesjährigen ESC in Wien. Auch dem griechischen Lied "Ferto", dem australischen Superstar Delta Goodrem und dem mehrsprachigen Liebeslied "Michelle" aus Israel wurden Chancen auf den Sieg zugesprochen.
All diese Prognosen auf Grundlage von Wettquoten und Expertenmeinungen waren plötzlich hinfällig, als in der Samstagnacht die letzten Televoting-Punkte an den Underdog aus Bulgarien verteilt wurden und DARA somit an Noam Bettan aus Israel vorbeizog. Mit ihrem eingängigen Ethno-Party-Dancesong "Bangaranga" gelang der talentierten und durchweg sympathischen Dara vieles, was schon einige Jahre lang niemandem mehr im ESC gelungen ist: darunter der Sieg eines Balkanlandes, der Sieg sowohl im Jury- als auch im Publikumsvoting, der Sieg eines gerade erst zum ESC zurückgekehrten Landes. Dieses Resultat ist also in vielerlei Hinsicht beeindruckend.
Bei der beachtlichen Euphorie um "Bangaranga" und den verhinderten israelischen Sieg, der von vielen Fans zum Worst-Case-Szenario für den Fortbestand des Contests erklärt worden war, geriet das Abschneiden des deutschen Beitrags schnell zur Nebensache: Zwar hat Sarah Engels mit ihrem Song "Fire" die ersehnten "douze points" erhalten - allerdings als Gesamtergebnis aller Jury- und Publikumsstimmen, das reichte nur für Platz 23. Für den SWR als die neue für den ESC verantwortliche Anstalt in der ARD ist der drittletzte Platz im Finale ein Resultat, das die letzten Ergebnisse unter NDR-Führung sogar noch unterbietet.
Sie glaube, "für Deutschland ist es kein Geheimnis, dass wir es immer schwer haben beim Eurovision", beklagte Engels im Anschluss an das Finale und bediente damit lange bestehende Vorbehalte, die der SWR in den nächsten Jahren mühsam versuchen darf zu widerlegen.
Dabei zeigte auch der diesjährige ESC wieder eindrucksvoll, dass Song, Künstler und Auftritt wesentlich entscheidender für das Endergebnis sind als das Land, für dessen Rundfunkanstalt ein Act antritt. Vorjahressieger Österreich landete diesmal auf dem letzten Platz, während sich die Schweiz als Vorjahresgastgeber nicht einmal für das Finale qualifizieren konnte. Selbst ESC-Liebling Schweden schnitt mit Felicias EDM-Track "My System" erstaunlich schlecht ab. Dafür waren diesmal gleich zwei Länder unter den Top Drei, die auf eine Teilnahme am ESC zuletzt nach üblen Halbfinal-Ergebnissen verzichtet hatten: Bulgarien und Rumänien. Neues Jahr, neue Chance - so läuft es.
Eine Konstante scheint sich jedoch in den ESC-Ergebnissen der letzten Jahre fest verankert zu haben: Die Platzierung für Israel ist stets sehr hoch. Trotz angepasster Votingregeln und Rügen für die Abstimmaufrufe des israelischen Kandidaten nehmen der ESC-Beiträge des israelischen Senders KAN immer wieder eine sehr hohe Position ein, dank quasi europaweit hohen Publikumsstimmen.
Der Vorwurf der anhaltenden Politisierung des Wettbewerbs steht im Raum. Ob die EBU Wege finden wird oder überhaupt finden will, die Auswirkungen des mutmaßlichen Solidaritätsausdrucks europäischer Zuschauer so weit einzudämmen, dass der ESC trotz geopolitischer Krisen als fairer Gesang-Wettbewerb erhalten bleibt, ist offen. Die Rundfunkanstalten von fünf Ländern, darunter mit Spanien ein größerer Geldgeber, haben den ESC dieses Jahr bereits mit Verweis auf Israels Teilnahme boykottiert, manche haben ihn dennoch ausgestrahlt. Ob sie in absehbarer Zeit als Teilnehmer zum ESC zurückkehren werden, ist unklar.
Angesichts der fortwährenden Debatten rund um die Teilnahme des israelischen Senders KAN am ESC liegt es nahe, das Verlangen vieler Zuschauer nach Nostalgie, nach weniger Konflikten und nach weniger geopolitischer Komplexität umfassend zu bedienen. Wie passend, dass die Jubiläumsausgabe des Eurovision Song Contest genügend Anlässe bot, auf vergangene Jahrzehnte zurückzublicken, als wären sie die guten alten unbeschwerten Zeiten. Wie von einem runden Jubiläum zu erwarten, erinnerten die beiden Halbfinals und das Finale immer wieder an Meilensteine und Hits des Eurovision Song Contests.
Der rührende Kurzfilm "Life of Toni" zu Beginn des ersten Halbfinals zeigte, wie der ESC den Protagonisten Toni von der ersten Ausgabe an durch sein Leben begleitet hat. Im Finale präsentierte ein Potpourri aus ESC-Künstlern der letzten Jahre und Jahrzehnte ein Medley, in dem sie ESC-Hits anderer Künstler coverten und in manchmal abenteuerlicher Weise in andere Genres überführten. Der von der finnischen Band Lordi dargebotene Refrain des kindlich anmutenden Songs "Le Papa Pingouin" von 1980 als Metal-Version gehörte zu den Highlights der diesjährigen außer Konkurrenz stehenden Programmpunkten.
Viele solcher einprägsamen Momente boten die drei Shows aus der Wiener Stadthalle jedoch nicht. Etliche Segmente und Einspielfilme gerieten deutlich zu langatmig und zu uninspiriert. Vorproduzierte Quizshow-Runden, an denen ESC-Kommentatoren unterschiedlicher europäischer Sender teilnahmen, richteten zwar den Blick auf kuriose Momente der Geschichte des Contests, passten als einfallslos umgesetztes Multiple-Choice-Quiz aber nicht in die Dramaturgie einer großen Musikshow. Dass sich trotz mehrfacher Probedurchläufe der Show dann auch noch ein Zahlendreher in eine der Quizfragen geschlichen hat, offenbart die Schludrigkeit und Ambitionslosigkeit, mit der die Shows abseits der teilnehmenden Beiträge umgesetzt wurde.
Enttäuschend war die Moderationsleitung des Duos Victoria Swarovski und Michael Ostrowski. Während Swarovski mit der aus ihren "Let’s Dance"-Moderationen bekannten hölzernen Steife durch die Sendung führte, wirkte Ostrowski in seinen Glitzer-Trainingsanzügen wild gestikulierend, als würde er die Rolle eines albernen Co-Moderators lediglich spielen. Zwischen beiden Hosts fehlte jegliche Chemie. Anders als Sandra Studer und Hazel Brugger im Vorjahr in Basel scheiterten Swarovski und Ostrowski kläglich daran, einen Hauch von ehrlicher Begeisterung sowohl füreinander als auch für den Contest selbst zu versprühen.
Auch die Halbfinal-Showeinlagen, an denen das Moderationsduo beteiligt war, waren vor dem Hintergrund der gelungenen Interval Acts und Shownummern des letzten Jahres eher unangenehm anzuschauen. Am Dienstag sangen Swarovski und Ostrowski ein Lied über die Verwechslungsgefahr der Länder Austria und Australia, was ein Jahr nach der gelungenen ironischen Darbietung des Songs "Made in Switzerland" wie ein misslungener Nachahmungsversuch wirkte. Am Donnerstag traten die beiden Hosts aus unerfindlichen Gründen mit einer unglaubwürdig albernen und peinlich daherkommenden Coverversion von "I'm So Excited" der Pointer Sisters auf. "I’m so exhausted" bilanzierte Ostrowski danach. Immerhin, dieser Gag ist ihm gelungen.
Dafür konnte ein in die Höhe schnellendes Balkendiagramm im finalen Splitscreen der letzten Punktevergabe den Nervenkitzel im entscheidenden Moment des Finalabends im Vergleich zu den Vorjahren noch etwas steigern. Das zählt zu den kleinen spannungssteigernden Stellschrauben, die hoffentlich nicht nur für dieses Jahr gedreht worden sind.
Mit den leider überwiegend trocken umgesetzten Einspielern "Professor Eurovision", in denen Victoria Swarovski als Dozentin in einem Hörsaal Fragen zu den erfolgreichsten ESC-Hits oder zum Votingverfahren beantwortete, wagte die Show auch den Versuch zu erklären, warum queere Künstler auf der ESC-Bühne so präsent sind: Ein queerer Künstler habe es durch seine Andersartigkeit leichter, Kunst zu schaffen - eine steile These. Das sicherlich gut gemeinte Stück schwankte zwischen historischer Einordnung und dem Eindruck, queere Sichtbarkeit beim ESC kleinreden zu wollen. Das wirkte seltsam unbeholfen, auch weil Swarovski in ihrer Rolle als Professorin für derlei Themenkomplexe ebenso wenig überzeugte wie in ihrer Showmoderation.
So enttäuschend also die Umrahmung der insgesamt 35 Beiträge in diesem Jahr gestaltet und umgesetzt wurde, so schick wurden die Songs in den Halbfinal-Shows und im Finale inszeniert. Dass die Auftritte - ob ruhige Ballade oder hektischer Dance-Song - in diesem Jahr besonders hochwertig ausgesehen haben, lag auch an den erstmals beim ESC eingesetzten Kinokameras, die den Auftritten eher das Aussehen eines Konzertfilms verlieh. Dass der Kern der ganzen Veranstaltung damit ein visuelles Upgrade erfahren hat, wird den beachtlichen Leistungen der Delegationen gerecht.
Doch auch die raffiniertesten Kameras brachten leider nicht jeden Song fehlerfrei auf die Fernsehbildschirme: Während einer längeren Kameraeinstellung mitten im Auftritt des Tschechen Daniel Žižka im Finale am Samstagabend kam es zu technischen Problemen, die erst zu Streifen im Bild und dann auch noch zu einem kurzen Stillstand des Bildes führten.
Vor Schwierigkeiten stand der ORF bereits am 11. Mai, also noch vor dem ersten Halbfinale. Denn ein Unwetter machte nicht nur den Fans zu schaffen, die sich vor Ort im sogenannten Eurovision Village zusammengefunden hatten, sondern auch dem ORF, der die erste Ausgabe seines täglichen ESC-Livemagazins vorzeitig abbrechen musste, kurz nachdem sich eine Reporterin bei stürmischem Wetter zu einem der Essensstände im Village begeben hatte, um sich dort nach den Schnitzeln zu erkundigen.
Dass unwetterbedingt auch die auf 3sat und ORF III geplante Übertragung eines ESC-Musicals ausfallen musste, dürften vor den deutschen Fernsehern nur wenige Interessierte zur Kenntnis genommen haben, da zeitgleich im Ersten die Jubiläumsdokumentation "70 Jahre ESC - More than Music" gezeigt und um eine Ausgabe des Polittalks "Hart aber fair" ergänzt wurde. Die bemerkenswert unproduktive Gesprächsrunde zur Frage, wie politisch der ESC ist, kreiste viel zu lang um erkenntnisarme Meinungsbekundungen des stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger, der Auftritte wie von Conchita Wurst im Jahr 2015 wiederholt als "Klamauk" abstempelte, mit dem "Normalbürger" nichts anfangen könnten. Ein irritierender Start in die ESC-Woche.
Fachpersonal schickte die ARD stattdessen auf dem Spartenkanal One auf Sendung: Vor den Halbfinals begrüßte der ESC-affine SWR3-Radiomoderator Constantin Zöller mit Caro Worbs und Miguel Robitzky zwei weitere ESC-Fans zu zwei 45-minütigen Livesendungen aus Wien. Wie schön, dass den Dreien diese Plattform als Warm-up zu den Halbfinals gegeben wurde., doch leider blieb "Die Show zum Halbfinale" inhaltlich zu banal: Es wurden ESC-Songs vorgegurgelt, Nationalgerichte probiert und fast schon beiläufig ohne allzu großen Tiefgang die Songs der bevorstehenden Show besprochen. Mehr als ein launiges Vorglühen mit kleiner Live-Schalte in die Wiener Stadthalle war dies nicht. Ins Detail ging es in diesem Jahr stattdessen immer wieder in täglichen Ausgaben des NDR-Podcasts "ESC Update".
Während sich das für den Grimme-Preis-nominierte BR-Format "Pop Secret Stories" diesmal mit dem Imagewandel der deutschen Kandidatin Sarah Engels befasste, One mit "Ready für den ESC?" eine etwas zu pathostriefende Eigenproduktion als Countdown vor dem Countdown auftischte, das HR-Fernsehen eine Nacht mit alten deutschen Vorentscheiden zusammenstellte und das WDR-Funkhausorchester ein gelungenes Konzert mit ESC-Hits veranstaltete, erklärte "Die Sendung mit der Maus" auf liebenswürdige Weise, wie man ein ESC-Lied schreibt.
Der ESC ist also nach wie vor auf viele Arten Teil des ARD-Programms - nicht zuletzt in zahlreichen Beiträgen des Boulevardmagazins "Brisant". Die Vor- und Nachberichterstattung am Samstagabend aber lag auch diesmal in den Händen von Barbara Schöneberger, die sowohl den "Countdown" als auch die "Aftershow" wieder als Koproduktion von ARD, ORF und SRF präsentierte und in gewohnter Art mit den üblichen Gästen die Finalshow umrahmte. Neue Impulse durch den SWR als neue verantwortliche ARD-Anstalt blieben leider aus.
Bräuchte es im SWR also quasi ein Aufbegehren, wie es Dara in ihrem Siegersong "Bangaranga" besingt? Falls es dem SWR ernsthaft um das Resultat in diesem nach wie vor viel beachteten Wettbewerb geht: Ja. Eine Songauswahl wie die im diesjährigen deutschen Vorentscheid genügt nicht, um international Zuschauer und Jurys zu begeistern. Geht es dem SWR aber lediglich darum, mit wenig Mitteln hohe Zuschauerzahlen im eigenen Land zu erzielen, dürfte man ihm trotz des schlechten Resultats gratulieren. Denn das ist offensichtlich gut gelungen.
Der Wunsch nach Entscheidungen, die dem Wettbewerb kurz- wie langfristig guttun, wird bei den leidgeplagten deutschen Fans auch nach der 70. Ausgabe des ESC bestehen bleiben - ob nun hinsichtlich des Erhalts des Wettbewerbs als Ganzes oder der Optimierung des deutschen Vorentscheids. Ob eine Idee das Zeug zum Erfolgsrezept hat, stellt sich manchmal aber erst heraus, nachdem man auch gewagt hat, sie umzusetzen. Überraschungssiegerin Dara könnte ein Lied davon singen.
infobox: In Deutschland verfolgten nach Angaben der ARD durchschnittlich 8,94 Millionen Menschen am 16. Mai zwischen 21 und 1 Uhr das Finale im Ersten und bei One, der gemeinsame Marktanteil lag bei 46,8 Prozent. In Österreich sahen nach Angaben des ORF insgesamt durchschnittlich 3,27 Millionen Menschen die Show bei ORF1, das waren 43 Prozent Marktanteil. Hinzu kamen 100.000 Zuschauer im Livestream.
Copyright: Foto: fernsehserien.de
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Text: Lukas Respondek ist Fernsehkritiker und Redakteur bei "fernsehserien.de" und "TV Wunschliste".
Zuerst veröffentlicht 18.05.2026 12:59
Schlagworte: Medien, Fernsehen, ESC, Shows, Musik, Respondek
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