WDR arbeitet an Reduzierung der Programmangebote - epd medien

26.05.2026 08:57

Der WDR will seine Programmangebote deutlich reduzieren und vor allem im Digitalen im Vergleich zu den Angeboten von Verlagen Boden gutmachen. Derzeit arbeitet die Geschäftsleitung an einem Plan.

Das neue Filmhaus des WDR in der Umbauphase

Köln (epd). Der WDR plant eine umfassende Neu-Aufstellung seiner Programmangebote. Nach einer internen Analyse zum "Portfolio-Management" wird derzeit das komplette Programm in Fernsehen, Hörfunk und Internet auf seine Zukunftsfähigkeit geprüft. Intendantin Katrin Vernau hatte im April im Rundfunkrat gesagt, der Sender wolle seine Programmangebote bis 2030 von derzeit mehr als 600 auf maximal 300 reduzieren.

Der WDR wolle "digitale Heimat der Menschen im Westen" werden, sagte Vernau dem epd: "Das ist unsere Vision im WDR, die uns bei allen Entscheidungen leitet." Der Sender müsse für die Menschen "Alltagsbegleiter werden und ihnen auch für die nonlineare Nutzung Formate anbieten, die sie nur bei uns bekommen".

Alles wird geprüft.

Um im Digitalen erfolgreicher zu werden, sollen im Jahr 2030 45 Prozent der Ressourcen - also Etat, Personal- und Produktionskapazitäten - für nonlineare Angebote eingesetzt werden. Im vergangenen Jahr flossen 24 Prozent in digitale Angebote.

Federn lassen muss insbesondere das lineare Fernsehen. Um dessen Anteil von derzeit 58,1 auf 39 Prozent zu drücken, will sich der WDR auf die Kernzeit der linearen Nutzung zwischen 17 Uhr und 22.15 Uhr konzentrieren. "Alles außerhalb dieser Kernzeit wird in den kommenden Monaten geprüft", erklärte der kommissarische Programmdirektor Information, Fiktion und Unterhaltung Ingmar Cario. Programme wie die Nachrichtensendung "WDR Aktuell", die regionale Informationen bietet, sollen erhalten bleiben. Auch der "Kölner Treff" am Freitagabend bindet nach Angaben des WDR viele Zuschauer.

Der WDR will nach Angaben von Cario auch in Zukunft seinen Pflichtanteil innerhalb der ARD erfüllen. Der Kölner Sender liefert derzeit 21 Prozent des Gemeinschaftsprogramms Das Erste und der ARD-Mediathek.

Mehr Kraft in weniger, aber stärkere Angebote geben.

Beim linearen Hörfunk soll es ebenfalls Änderungen geben, die allerdings weniger tiefgreifend ausfallen werden. Der Anteil des Bereichs "Audio linear" an den eingesetzten Programm-Ressourcen soll von derzeit 17,8 Prozent auf 16 Prozent sinken.

Wie Vernau im April im Rundfunkrat ausführte, sollen von den derzeit mehr als 600 Angeboten im Jahr 2030 nur noch 220 bleiben. 80 neue Angebote sollen hinzukommen. Demnach würden knapp 400 derzeit existierende Programmangebote eingestellt. "Mit dem neuen fokussierten Angebot wollen wir den WDR schlanker, schlagkräftiger - und damit schneller und flexibler aufstellen", sagte Vernau: "Also mehr Kraft in weniger, aber stärkere Angebote geben."

Die Bedürfnisse des Publikums

Listen mit Angeboten, die beendet oder weitergeführt werden, gibt es nach Angaben des Senders nicht. Bei den von Vernau genannten Zahlen handelt es sich nach Angaben des stellvertretenden Programmdirektors NRW, Wissen und Kultur, Dominik Mercks, um Prognosen auf Grundlage der bisherigen Analysen: "Wir haben sechs strategische Felder definiert, die eine klare Grundlage für die Entscheidungen sind. Entscheidend ist neben der Frage, was unser Auftrag ist, vor allem die Frage: Wo liegen die Bedürfnisse unserer Nutzerinnen und Nutzer?", sagte Mercks.

Die Gesamtzahl von mehr als 600 Programmangeboten auf allen Verbreitungswegen bezieht sich nach Angaben des WDR nicht auf einzelne Sendungen oder Beiträge. So werden jede Hörfunkwelle des WDR jeweils als ein Angebot definiert. Im Fernsehen gelten nicht jeder Krimi oder jede Dokumentation als Angebot, sondern Programmreihen und -formate wie die "Aktuelle Stunde", "Die Story", "ARD Crime Time" oder "Der Mittwochsfilm".

Mehr digitale regionale Information

Beim "Tatort" gelten die drei Schauplätze in Münster, Köln und Dortmund jeweils als eigenes Programmangebot. Auch im Internet werden nicht einzelne Posts, sondern die Gesamt-Auftritte der verschiedenen Redaktionen in den Netzwerken als jeweils ein Programmangebot gewertet.

Der WDR will mit der umfassenden Umschichtung insbesondere auf dem Markt digitaler regionaler Informationen Boden gegenüber anderen Medienhäusern gutmachen, dies soll vor allem über wdr.de und die WDR-App geschehen. Die Online-Angebote der "Rheinischen Post" würden deutlich mehr Nutzer erreichen als der WDR, sagte Mercks.

Die Rheinische Post Mediengruppe erreicht laut einer Information auf der eigenen Webseite monatlich 89 Millionen Page Impressions und rund 21 Millionen Visits. "Wir müssen und wollen deutlich zulegen, da wir in diesem speziellen Bereich dahinterliegen", sagte Mercks. "Der WDR macht aber im Unterschied zu Medien wie der 'Rheinischen Post' Angebote für das gesamte Bundesland. Daher muss es auch unser Anspruch sein, dass wir die Nummer Eins bei regionalen Infos im Digitalen in NRW werden." Alle regionalen Informationen sollen im Digitalen zukünftig unter der Marke "WDR" - statt wie bisher unter "WDR aktuell" und "Lokalzeit" gebündelt werden.

Mehr Glaubwürdigkeit durch mehr Perspektiven.

Cario begründete die Notwendigkeit der Umschichtung auf digitale Angebote auch mit der dynamischen Entwicklung des Marktes. Die Medienforschung sage voraus, dass bereits im Jahr 2027 mehr Menschen nonlineare Videoangebote nutzen würden als lineare.

Zudem hat sich der WDR zum Ziel gesetzt, mehr Aufmerksamkeit auf Zielgruppen zu richten, die dem Sender noch eher fern seien. Dabei gehe es nicht nur um junge Zielgruppen oder eine politische Ausrichtung. Als Beispiel nannte Mercks das Stadt-Land-Gefälle: "Behandeln wir Mobilitätsthemen zu sehr aus der Perspektive der Großstadt, wo es gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr gibt und viele mit einem Lastenfahrrad unterwegs sind?" Es gehe um "mehr Glaubwürdigkeit durch mehr Perspektiven".

Kritik vom Personalrat

Nach Angaben des WDR ist die Belegschaft bereits über die Pläne informiert worden. Es habe viele Nachfragen gegeben, aber keine Kritik, sagte Cario. Die Erkenntnis, dass eine noch konsequentere Umschichtung zugunsten digitaler Angebote notwendig sei, sei in der WDR-Belegschaft längst angekommen. "Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, denen es nicht schnell genug geht." Da in allen Abteilungen seit 2023 mit jährlichen Zielvorgaben gearbeitet werde, sei die kontinuierliche Überprüfung der eigenen Arbeit geübte Praxis. Welche Auswirkungen die Programmpläne auf die Aufträge an freie Mitarbeiter des Senders oder auf Auftragsproduktionen habe, werde sich erst mit einer Entscheidung zum Programmangebot klären, sagten Cario und Mercks.

Beim Personalrat stößt das Vorgehen des WDR auf Kritik: "Die Verfahrensweise könnte besser sein, transparenter, offener", sagte der Personalratsvorsitzende David Jacobs dem epd. Bei der Entwicklung des Programmportfolios der Zukunft seien weder die Beschäftigten noch ihre Interessenvertretung einbezogen worden. "Das ist schade. Es hätte andere Möglichkeiten geben können, die Beschäftigten mitzunehmen. Viele sind mit Herzblut bei der Arbeit. Es wäre wichtig gewesen, sie zu ermutigen und nicht nur vor vollendete Tatsachen zu stellen."

tgr



Zuerst veröffentlicht 26.05.2026 10:57 Letzte Änderung: 26.05.2026 10:58

Schlagworte: Medien, Rundfunk, WDR, Programm, Vernau, tgr, Fernsehen, Hörfunk, Internet, NEU

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