11.09.2026 10:25
Köln (epd). Der Historiker Yuval Harari sieht Künstliche Intelligenz (KI) auf dem Weg zu einem eigenständigen gesellschaftlichen Akteur. Anstatt nur ein Werkzeug zu sein, könne sie lernen und "Entscheidungen treffen und eigenständig neue Ideen entwickeln", sagte der 50-Jährige am Dienstag beim Kongress "Digital X Köln" der Deutschen Telekom. Der Verlauf dieser Prozesse könne auch von den Programmierern nicht vorhergesehen werden.
Damit unterscheide sich die KI-Revolution grundlegend von früheren technologischen Neuerungen. "Die Druckerpresse konnte beispielsweise nicht selbst entscheiden, was sie drucken sollte", sagte Harari, der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrt. "Gutenberg entschied: Druckt Bibeln und nicht etwa den Koran. Und die Gutenberg-Druckerpresse konnte nichts Neues erschaffen." KI dagegen übernehme die sprachlichen Systeme, mit denen Menschen ihre Gesellschaft organisiert haben.
KI-Richter werden entscheiden, ob wir ins Gefängnis kommen.
Laut Harari hat dies bereits jetzt gefährliche Auswirkungen: "Soziale Medien beispielsweise sind eine Bürokratie, die von KIs betrieben wird. Und sie verbreiten Misstrauen zwischen Menschen und verschärfen die gesellschaftlichen Spannungen auf der ganzen Welt." Dieselben Menschen, die das Vertrauen in menschliche Journalisten, menschliche Politiker, menschliche Banker verlören, vertrauten "blind den KIs, die ihnen all die Fake News, Verschwörungserzählungen und Ähnliches in den sozialen Medien präsentieren", sagte Harari, der mit dem Bestseller "Eine kurze Geschichte der Menschheit" weltweit bekannt wurde.
In den kommenden Jahren würden "Millionen von KIs, Millionen von KI-Bürokraten zunehmend wichtige Entscheidungen treffen. "KI-Banker werden entscheiden, ob wir einen Kredit bekommen. KI-Richter werden entscheiden, ob wir ins Gefängnis kommen", so der Historiker. "Unternehmens-KIs werden entscheiden, ob sie uns einen Arbeitsplatz geben, und militärische KIs werden entscheiden, ob sie unser Haus bombardieren."
Um gegenzusteuern, müsse die Menschheit erst einmal Zeit gewinnen, indem sie die Entwicklung der KI verlangsame. Sie müsse verstehen, was gerade geschieht, und sich darauf einstellen: "Genau wie sich unsere Vorfahren vor Milliarden von Jahren an diese tödliche Neuheit - den Sauerstoff - angepasst haben."
Jeder Einzelne müsse zudem versuchen, sich selbst besser kennenzulernen, damit dieses Wissen nicht exklusiv der KI zufalle. "Sobald die KI uns besser kennt, als wir uns selbst kennen, ist das Spiel vorbei", warnte Harari. "Sie kann uns vollständig kontrollieren und manipulieren."
rid
Zuerst veröffentlicht 11.09.2026 12:25
Schlagworte: Medien
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