"Spiegel"-Chefredakteur rechtfertigt Eralp-Berichterstattung - epd medien

30.10.2026 12:32

"Spiegel"-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit begründet die Veröffentlichung interner Anmerkungen von Elif Eralp zu einem Interview mit der Verantwortung gegenüber der Berliner Öffentlichkeit. Beim Presserat gingen mehr als zehn Beschwerden dazu ein.

Elif Eralp am 29. Oktober bei der konstituierenden Sitzung Berliner Abgeordnetenhaus

Frankfurt a.M. (epd). "Spiegel"-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat die Berichterstattung zu einem Interview mit der Berliner Linken-Wahlsiegerin Elif Eralp verteidigt. Es habe Konsens in der Redaktion geherrscht, dass die Öffentlichkeit von Eralps Angst wissen müsse, um die politischen Vorgänge kompetent einschätzen zu können, schreibt Kurbjuweit in einem am Freitag im "Spiegel" veröffentlichten Leitartikel: "Nur der informierte Bürger ist ein mündiger Bürger."

Der "Spiegel" hatte am Donnerstag berichtet, dass die mögliche künftige Regierende Bürgermeisterin Eralp Angst vor Israel-Hassern und Terrorsympathisanten habe. In dem Bericht werden nicht autorisierte Interviewpassagen und interne Anmerkungen im Prozess der Autorisierung erwähnt, die Eralps Büro versehentlich mit dem Interviewtext an das Magazin zurückgeschickt hatte und die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren.

Jurist sieht "Spiegel" auf "extrem dünnem Eis"

Der Sprecher der Berliner Linksfraktion, Thomas Barthel, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Freitag, dass rechtliche Schritte gegen den "Spiegel" geprüft würden. Zudem werde eine Beschwerde beim Deutschen Presserat erwogen.

Der Kölner Anwalt für Medienrecht Christian Solmecke sieht die Veröffentlichung des "Spiegels" in Teilen kritisch. Was die Interviewantwort angehe, bewege sich die Redaktion "rechtlich auf extrem dünnem Eis", sagte der Jurist dem epd. Der "Spiegel" schreibe selbst, dass er Eralps Antwort auf die Frage nach einem Terrorsympathisanten mangels Autorisierung nicht zitieren dürfe, umschreibe die Antwort dann aber indirekt. "Genau diese Umgehung ist nach der Rechtsprechung der deutschen Pressekammern unzulässig", sagte Solmecke.

Ramelow: "Niederträchtiger Journalismus"

Kurbjuweit schreibt in seinem Leitartikel, Angst sei menschlich, "aber in manchen Rollen darf man sich nicht einschüchtern lassen, muss man seine Angst überwinden". Bei der Politikerin Eralp seien Zweifel angebracht, ob sie in der Lage sei, Regierende Bürgermeisterin von Berlin zu werden: "Das wiegt schwer bei einer Kandidatin für ein politisches Spitzenamt. Angst gibt den Angstmachern Macht, in diesem Fall Macht über Berlin." Am Ende stehe die Sicherheit Berlins über der Sicherheit einer Regierenden Bürgermeisterin, schreibt Kurbjuweit.

Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) kritisierte den "Spiegel" scharf und sprach von "niederträchtigem Journalismus". Eine Frau öffentlich zu zeichnen, die ängstlich sei, oder gar eine Stadt zu zeichnen, die im Chaos zu versinken droht, solche "apokalyptischen Übertreibungen" aus einem nicht autorisierten Namen abzuleiten, sei "schon starker Tobak", sagte er dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" am Freitag. Denn es bedeute, ihr den notwendigen Schutz öffentlichkeitswirksam zu entziehen.

Der Deutsche Presserat teilte dem epd auf Anfrage mit, dass bis Freitagmittag elf Beschwerden gegen den "Spiegel" eingegangen sein, darunter bis dahin keine Beschwerde von Eralp selbst. Für die Prüfung durch den Presserat spiele es allerdings keine Rolle, von wem die Beschwerden eingereicht werden. "Maßgeblich ist allein, ob auf Grundlage der Beschwerden Verstöße gegen den Pressekodex festgestellt werden können oder die Redaktion sich an dessen Vorgaben gehalten hat", erklärte eine Sprecherin des Selbstkontrollorgans der deutschen Presse.

nbl



Zuerst veröffentlicht 30.10.2026 13:32 Letzte Änderung: 30.10.2026 15:26

Schlagworte: Medien, Presse, Journalismus, Bundesländer, NEU

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