Regisseur Heise: Reaktion auf Tschernobyl hatte "hysterische Züge" - epd medien

13.04.2026 08:02

Für den ARD-Dokumentarfilm "Tschernobyl 86 - Der Super-GAU" ist Regisseur Volker Heise tief in die Fernseh-Archive eingetaucht. Die Reaktion der westdeutschen Öffentlichkeit auf die Katastrophe hält er aus heutiger Sicht für überzogen.

Unmutsäußerung auf einem die Straße blockierenden Anhänger in Hamm-Uentrop

Frankfurt a.M. (epd). Das Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl hat nach Ansicht des Dokumentarfilmers Volker Heise im Jahr 1986 eine überzogene Debatte in der Bundesrepublik ausgelöst. "Wie die Informationen und Narrative im Westen explodiert sind, hatte hysterische Züge", sagte Heise in einem epd-Interview. "Niemand hatte anfangs wirkliche Informationen." Dadurch sei ein Gefühl der Unsicherheit entstanden, das politisch nicht mehr eingehegt werden konnte.

Für seinen ARD-Dokumentarfilm "Tschernobyl 86 - Der Super GAU" zum 40. Jahrestag der Katastrophe am 26. April hat Heise viel Fernseh-Material aus deutschen und sowjetischen Archiven ausgewertet. Der Film ist am Montag ab 23.05 Uhr im Ersten zu sehen.

Die "Aktuelle Kamera", die Nachrichtensendung der DDR, habe sich zu Tschernobyl weitgehend ausgeschwiegen, sagte der Regisseur. Staatschef Erich Honecker habe sich nie zu dem Thema geäußert. "Sie konnten das aber nicht ganz unter den Tisch fallen lassen, weil es das West-Fernsehen gab", sagte Heise. "Unterhalb der offiziellen Erzählung" sei die Bedrohlichkeit des Ereignisses aber durchaus bei der ostdeutschen Bevölkerung angekommen.

Getrennte Kommunikationssysteme

In der westdeutschen Bevölkerung hätten parteipolitische Manöver die Verunsicherung verstärkt. Der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) habe versucht zu beschwichtigen, das habe aber die Fantasien noch mehr beflügelt: "Wenn man uns im Unklaren über das Ereignis lässt, dann muss es schlimm sein." Der junge Joschka Fischer, damals grüner Umweltminister in Hessen, habe seinerseits in der Katastrophe und den gesellschaftlichen Ängsten eine Chance für sich und seine Partei gewittert.

Im Rückblick sei für ihn sehr deutlich geworden, dass es zwei "getrennte Kommunikationssysteme" im Osten und Westen gab, sagte Heise. In der Sowjetunion sei zuerst geschwiegen worden, dann habe man versucht, "eine Heldengeschichte zu schreiben".

Heise beteiligte sich nach eigenen Angaben in den 80er Jahren an den Anti-Atomkraft-Protesten im oberpfälzischen Wackersdorf. Bekannt wurde der Dokumentarfilmer 2002 durch die Geschichtsserie "Schwarzwaldhaus 1902", in der eine Familie aus der Stadt so lebte wie Bauern im Schwarzwald zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für die 24-stündige Dokumentation "24h Berlin" erhielt er zusammen mit dem Produzenten Thomas Kufus 2010 den Bayerischen Fernsehpreis, den Deutschen Fernsehpreis und den Robert-Geisendörfer-Preis, den Medienpreis der Evangelischen Kirche.

liw/dir



Zuerst veröffentlicht 13.04.2026 10:02

Schlagworte: Atomkraft, Katastrophen, Medien, INT

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