28.04.2026 07:10
Aus der Grimme-Jury Kinder & Jugend
epd Diskussionen um die Wehrdienstpflicht und ein Social-Media-Verbot, ein neuer Bundeskanzler, weltweite Kriege, die Klimakrise ohne Lösung in Sicht. Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt voller Konflikte und Unsicherheiten auf. Das vergangene Jahr warf viele Fragen auf, die auch die Jüngsten umtrieben. In welcher Welt leben sie - und in welcher wollen sie einmal leben?
Keines der genannten Themen wurde in den für den diesjährigen Grimme-Preis nominierten Produktionen für Kinder und Jugendliche verhandelt, das fällt der Jury schnell auf. Dafür zahlreiche andere, die nicht weniger relevant sind: vor allem das Leiden junger Menschen mit psychischen Erkrankungen oder migrantischem Hintergrund in Deutschland und die Konfrontation mit deutscher Geschichte. Eine altersgerechte Aufarbeitung von vielen jahresaktuellen Fragen blieb dagegen aus.
Schon nach den ersten Sichtungen macht sich im Raum das Gefühl breit, dass es zwar viele solide Produktionen gibt, aber wenig Wagnis. Viel konventionelles Storytelling, aber wenig Mut zur formalen oder thematischen Innovation. Während der Sichtungstage wächst in der Jury die Frustration über eine gewisse Stagnation des Kinder- und Jugendfernsehens. Dabei sollte sich das Medium Fernsehen mehr denn je attraktiv für die jüngste Zielgruppe machen, um relevant zu bleiben. Unser Appell ist klar: Traut euch mehr!
Und doch gibt es sie, die Ausnahmen. Produktionen, die überraschen, die eine eigene, neue Stimme entwickeln, die handwerklich präzise arbeiten und dabei etwas riskieren. Dokumentarisch oder fiktional, animiert oder real, ernst oder humorvoll. In diesem Grimme-Jahr ist für uns in der Jury Kinder & Jugend der spezifische Blick, die Haltung auf Augenhöhe, ganz besonders wichtig.
Was den Jahrgang 2025 auszeichnet, ist seine Nähe, sein "Drin-Sein" - in Lebenswelten, Schicksalen und Empfindungen. Die Formate begleiten junge Menschen durch Depressionen, bei ihren ersten Schritten ins Berufsleben, durch Erfahrungen von Zugehörigkeit und Ausschluss. Es wird dabei nicht "über", sondern "mit" den Kindern und Jugendlichen erzählt.
Drei Tage lang sitzt die Jury im Marler Grimme-Institut: von morgens bis abends Sichtungen, dazwischen intensive Diskussionen. Welche Geschichten überzeugen wirklich? Welche bleiben im Gedächtnis? Letzten Endes entscheiden wir uns unter anderem für die Bepreisung zweier Spielfilme. Auch dies überraschte uns, zumal es die Kinder- und Jugendspielfilme in den vergangenen Grimme-Jahren nicht leicht hatten. Daneben schafft es eine Dokumentation aufs Siegertreppchen.
Drei Blickrichtungen prägen den Jahrgang. Erstens: die Beschäftigung mit der Vergangenheit, indem die deutsche Geschichte und ihr Hineinwirken ins Heute auf kindgerechte Weise aufbereitet wird. Wo gilt es heute wieder - oder noch immer - genau hinzusehen? Gleich mehrere Dokumentationen und Reportagen befassen sich mit dem dritten Reich und der NS-Geschichte Deutschlands. Dazu zählen "Die Sendung mit der Maus" (WDR) über den im Holocaust verfolgten Maler Felix Nussbaum oder "Y-History"-Folgen (BR/HR/MDR/SWR/BR) wie "War mein Uropa ein Nazi?". Den Jungen werden dichte Informationen und schwere Themen zugetraut, was wir begrüßen.
Zweitens: der Blick in die Zukunft. Hier reicht das Spektrum von Fragen wie "Welchen Ausbildungsberuf könnte ich wählen?" in "Azubi Storys" (WDR/NDR) bis hin zu gesellschaftskritischen Tönen: Welche Ressourcen braucht es, um die eigene Zukunft nach bestimmten Vorstellungen zu gestalten? Wem wird dieser Zugang erschwert? Solchen Fragen widmet sich etwa die Langzeit-Doku "Lutwi, der Junge aus der Nordstadt" (WDR) und verhandelt sie entlang konkreter Biografien. Sie lenkt den Scheinwerfer auf Fragen, die viele Jugendliche mit Migrationsgeschichte in Deutschland beschäftigen: Ab wann bin ich "deutsch genug"? Was bedeutet der zunehmende Rechtsruck für mein Leben? Es sind Perspektiven von innen, die sichtbar machen, was sonst oft abstrakt oder unsichtbar bleibt. Für sie sollte es noch viel mehr Raum im deutschen Kinderfernsehen geben, findet die Jury.
Drittens: die Gegenwart selbst. Was beschäftigt und besorgt die Zielgruppe? Vor allem Spielfilme blicken in diesem Jahr auf das Aufwachsen von migrantischen Jugendlichen und auf psychisches Leiden. Stella Markerts "Danke für Nichts" (ZDF) erzählt von vier jungen Frauen in einer Wohngruppe, die zwischen Trauma, Depression, Freundschaft und Widerstand ihren eigenen Weg suchen. Letzten Endes erzählt der Film von der Kraft der Gemeinschaft und dem hilflosen Gefühl einer Generation. Die Leichtigkeit, mit der das Ernste besprochen und gezeigt wird, macht den Film für uns besonders.
Auch die nachnominierte Reihe "Schau in meine Welt - Weitererzählt" (SWR/RB/Kika/HR) knüpft an frühere Lebensgeschichten an und verfolgt ihre Protagonistinnen und Protagonisten weiter. Die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Lebensabschnitte macht anschaulich, wie sich Sorgen und Träume vom Kindes- zum Jugendalter verändern. Etwa, wenn die krebskranke Anouk Jahre später erneut auf ihre Haarspenderin trifft oder Abdullah auf seinen Kindheitstraum vom Tanzen zurückblickt. Es bleibt dabei ein Eindruck von Inszenierung, der verhindert, dass die Fortführung vollständig organisch wirkt.
Neben diesen ernsten Themen finden sich dieses Jahr wenige humorvolle Produktionen. Eine Ausnahme bildet die Comedy-Serie "Fleischwolf" (Funk), die mit überzeichnetem Witz die deutsche Unterhaltungsbranche und Rap-Szene aufs Korn nimmt. Idee und Tonfall finden wir erfrischend eigenständig, auch wenn die Umsetzung stellenweise noch erzählerischen Feinschliff vertragen könnte.
Ein zehnjähriger Junge mit Autismus-Spektrum-Störung auf seiner ganz persönlichen Reise zum Mars. Das klingt zunächst, als könnte einiges schiefgehen. Aber die Romanadaption "Grüße vom Mars" (NDR/HR/Kika/MDR) von Sebastian Grusnick und Thomas Möller berührt uns mit ihrer feinfühligen Art, Toms besondere Bedürfnisse filmisch zu porträtieren, ohne ihn als "anders" abzugrenzen. Er mag kein Rot, nichts Lautes, keine vielen Reize - und vor allem keine Veränderung. Als seine Mutter ins Ausland muss, ziehen er und seine Geschwister zu den Großeltern aufs Land. Für Tom eine Zumutung. Die Lösung: eine Umdeutung. Der Aufenthalt wird zur Testmission für seinen Traum, Astronaut zu werden und zum Mars zu fliegen.
Was leicht ins Klischee kippen könnte, gelingt in "Grüße vom Mars" erstaunlich präzise. Der Film macht Toms Perspektive nicht erklärbar, sondern erfahrbar. Die Jury ist begeistert von den liebevoll-skurrilen Figuren und der ästhetischen Inszenierung der Empfindungen des Protagonisten durch Kamera, Sound und Montage, die seine Sinnesüberreizung leiblich spürbar machen. Auch die Weltall-Metapher gelingt: ein Raum voller Ruhe und Weite, in den Tom sich zurückziehen und ganz er selbst sein kann. Letzten Endes wird Tom jedoch nicht nur der Weltraum zugänglich, sondern vor allem der irdische Raum, den er für seine Bedürfnisse, Ängste und das geschwisterliche Miteinander neu erfährt. Die Augenhöhe, die dabei erzählerisch und visuell gewahrt wird, beeindruckt uns besonders - und macht den Film preiswürdig.
Bis zum letzten Sichtungstag war "Lenas Hof" (ZDF) ein Juryliebling, bei dem es sich um einen völligen Kontrast handelt. In 26 kurzen Folgen erzählt Elena Walf das Leben der Bäuerin Lena und ihrer Tiere auf einem Hof. Es wird nicht gesprochen. Die verspielte Animation, die uns an "Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig" erinnert, das präzise Sounddesign und die Untermalung mit klassischer Musik genügen, um auf kleiner Ebene Geschichten über das große Ganze zu erzählen: Wenn der Futterhändler auf den Hof kommt, geht es um nicht weniger als Industrie und Ausbeutung. Und wenn der schüchterne Maulwurf sich im Frühling nicht aus seiner Höhle heraus traut und Hilfe von der Feldmaus bekommt, geht es gleichzeitig um Solidarität, um Gemeinschaft und individuelle Bedürfnisse.
"Lenas Hof" fasziniert uns mit seinen diversen Themen, der skurrilen Optik, der Musik und Erzählweise, mit der die Allerkleinsten erreicht werden. Und wir freuen uns umso mehr, dass er an anderer Stelle, durch die Marler Gruppe, seinen verdienten Preis erhält.
Im Laufe der Jurydiskussionen stellen wir fest, dass die Grimme-Kategorie Spezial, die ein besonderes filmisches Merkmal würdigt, unserer Begeisterung für einen ganz besonderen Film nicht gerecht würde. Die Rede ist von "Ellbogen" (ZDF), einem Jugendspiefilm von Asli Özarslan und Claudia Schaefer, adaptiert aus dem gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir. Nominiert wurde die herausragende schauspielerische Leistung von Melia Kara, die zeitgleich ihr Schauspieldebüt ist. Wir finden, der Film verdient dies und mehr und schieben ihn in die Kategorie Jugend.
Im Zentrum steht Hazal, eine junge Frau aus Berlin, die täglich erfährt, was es heißt, nicht dazuzugehören. Rassismus, Ausgrenzung, strukturelle Ungleichheit in Beruf und Freizeit - all das verdichtet sich zu einer Wut, die schließlich eskaliert und sie zur Flucht zwingt. Ein bemerkenswertes, feinfühliges Stück über große Themen: Rassismus in Deutschland, Chancenungleichheit und Macht. Die Kamera ist stets nah dran an Hazal, weicht ihr bei ihren alltäglichen Kämpfen nicht von der Seite.
Die Jury ist mitgerissen von ihrem Trotz und Frust, ihrer Angst und Purheit. Hazal steht für zahlreiche junge Frauen in Deutschland, die aufgrund ihrer Migrationsgeschichte einen Kampf kämpfen müssen, der nicht gerecht ist. Ellbogen ist ein Film über Gewalt und darüber, wo sie beginnt. Ein Film voller Ungerechtigkeit, die sich einschreibt. Die Freude über die so gelungene Romanadaption ist folglich groß. Grimme für "Ellbogen"!
Und dann ist da noch diese Geschichte, die fast zu absurd klingt, um wahr zu sein: "Der talentierte Mr. F" (MDR/ARD Kultur/BR/RBB/HR). Moritz Henneberg und Julius Drost, Filmstudenten aus Berlin, produzieren ihren Abschlussfilm. Später räumt er internationale Animationspreise ab. Doch es sind nicht Moritz und Julius, die die Preise gewinnen, sondern Samuel Felinton, ein junger Mann aus den USA, der sich in der Öffentlichkeit als der Urheber des Films verkauft.
Die Geschichte eines Ideendiebstahls wird fortan unter der Regie von Igor Plischke dokumentarisch begleitet. Was ab dann geschieht, ist so ungewöhnlich, dass in den ersten Minuten das erste Jurymitglied fragt: "Ist das echt eine Doku?" Ja, keine Fiktion. Wir begleiten die Aufarbeitung der Geschehnisse bis hin zur Konfrontation des Diebes Samuel in den USA. Dabei können wir zunächst die Konfliktscheu der Protagonisten kaum glauben. Später erkennen wir sie schlichtweg als Haltung einer gewaltfreien Kommunikation. Sie ist es, die einen besonderen Ausgang der Geschichte erst möglich werden lässt.
"Die Waffe war die Kamera", schlussfolgert ein Jurymitglied in der Diskussionsrunde. Wir bestaunen die fesselnde Art des Storytellings und die intime Kameraarbeit, vor allem aber die Protagonisten Moritz und Julius, die uns nicht nur interessante Einblicke in ihr künstlerisches Schaffen gewähren, sondern auch in ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit, Anerkennung und Originalität. Wir reflektieren den Film als beeindruckende Metapher für viele große Themen, die die aktuelle Zeit prägen: Originalität und Urheberrecht, Fake News, KI und Ideendiebstahl. Das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA. Letzten Endes erzählt der Film davon, sich die Hand zu reichen, statt einander zu bekriegen. Grimme-Spezial für die Protagonisten und die Idee der Produktion "Der talentierte Mr. F."!
Der Grimme-Jahrgang Kinder & Jugend 2025 zeigt, wie vielfältig, sensibel und präzise erzählt werden kann, wenn man kindliche und jugendliche Perspektiven ernst nimmt. Es sind Produktionen, die hinschauen, begleiten und erfahrbar machen, was diese Generation bewegt - in ihrer Gegenwart, mit ihren Fragen für die Zukunft, ihren Unsicherheiten und Hoffnungen. Dabei entsteht ein Kinder- und Jugendfernsehen, das nicht vereinfacht und erklärt, sondern differenziert und Themen zugänglich macht.
Gleichzeitig bleibt spürbar, dass dieses Erzählen sein Potenzial noch nicht vollständig ausschöpft. Vieles bleibt in vertrauten Formen, tastet sich eher vor, als dass es neue Wege geht. Die stärksten Geschichten entstehen dort, wo Nähe zugelassen wird und wo Erzählen auf Augenhöhe gelingt. Und vielleicht liegt genau darin auch der Auftrag für die Zukunft: diese erzählerische Nähe mit größerem Mut zu verbinden - formal wie inhaltlich.
Copyright: Foto: privat
Darstellung: Autorenbox
Text: Helen Körsgen war Mitglied der Jury.
Zuerst veröffentlicht 28.04.2026 09:10 Letzte Änderung: 28.04.2026 09:31
Schlagworte: Medien, Auszeichnungen, Grimme, Unterhaltung, NEU
zur Startseite von epd medien