14.07.2026 07:20
Die neue ARD-Strategie für die nicht-lineare Medienwelt
epd Die ARD hat vor einigen Wochen "Die ARD-Strategie" vorgestellt. Das Papier ist den Veränderungen in der Medienlandschaft und dem sich ändernden Nutzungsverhalten von Medienangeboten durch die Menschen geschuldet und grundsätzlich zu begrüßen. Denn die Strategie dient dazu, auch künftig unter sich ändernden Bedingungen den gesetzlichen Auftrag für unsere demokratische Gesellschaft zu erfüllen, nämlich Information, Bildung, Kultur, Beratung sowie Unterhaltung zu bieten.
Besonders positiv ist die Absicht, mit dem ZDF und weiteren deutschen und europäischen Dritten einen gemeinwohlorientierten Raum als Gegengewicht zu den digitalen "Big Five" zu schaffen, der schon 2022 von der ehemaligen MDR-Intendantin Karola Wille als für eine Demokratie unverzichtbar bezeichnet wurde. Die ersten Schritte zum "Public Open Space" sind getan und sollten zügig fortgesetzt werden.
Es bleiben aber Fragen, vor allem, wie diese Ziele inhaltlich umgesetzt werden sollen - und da ist die ARD-Strategie doch recht unscharf und wenig konkret. Zum Teil erinnern die Formulierungen an die früheren Selbstverpflichtungserklärungen der ARD und auch an die Publikation "Wir sind Deins - Der Wert der ARD für die Gesellschaft" vom Oktober 2025, die zwar hehre Ziele und Absichten zum Inhalt hatten, bei deren Umsetzung dann aber doch so manches auf der Strecke blieb. Markige Worte und Zielsetzungen sind das eine, entscheidend kommt es aber auf ihre Realisierung an, also darauf, wie Helmut Kohl es einmal formuliert hat, "was hinten rauskommt".
Die ARD geht davon aus, dass bis 2030 die Bewegtbildnutzung überwiegend nicht-linear stattfindet und dass sich dies auch im Audiobereich vollziehen wird. Sie leitet dies aus der schon heute praktizierten Nutzung durch die jüngeren Zielgruppen ab. Zum linearen Fernsehen enthält die Strategie keine Aussagen, obwohl Veränderungen auch dort in den nächsten Jahren der Erreichung der Ziele und der besseren Auftragserfüllung dienen könnten, was auch medienpolitisch sicher sinnvoll wäre. Denn bei der Gewichtung der Genres könnte einiges verändert werden - etwa der Unterhaltung in der Primetime etwas weniger Raum zugunsten von Hintergründigem zu geben (vgl. Beitrag "Mehr Mut zum Auftrag" von Jürgen Betz in epd 9/18).
Ob die prognostizierte Entwicklung wirklich so eintritt, ist zudem unklar. Das klassische lineare Fernsehen zeigt sich als durchaus widerstandsfähig und punktet weiter mit seinem Live-Charakter, der bequemen Nutzung als Nebenbei-Medium und den nicht zu vernachlässigen treuen Zuschauern in den älteren Segmenten, wie der Deloitte Media Consumer Survey Ende 2024 festgestellt. Dort wurde prognostiziert, dass auch in zehn Jahren linear und non-linear noch komplementär genutzt werden.
infobox: Laut dem Papier "Die ARD-Strategie" will der Senderverbund:
- verlässliche Informationen, Orientierung und Teilhabe der Bürger gewährleisten, Qualitätsjournalismus bieten und dem durch die Social-Media-Plattformen und KI entstandenen negativen Einfluss auf die Meinungsbildung und die Demokratie entgegenwirken
- gemeinwohlorientierte Qualität, Expertise, Innovation, Dialog und Perspektivenvielfalt bieten
- fester Bestandteil des Alltags und mediales Zuhause aller Menschen sein
- die Nutzenden konsequent in den Mittelpunkt ihrer strategischen Entscheidungen stellen
- einen sicheren und gemeinwohlorientierten öffentlichen Raum als Gegengewicht zu den BigTech der Plattformanbieter im Digitalen schaffen
- Umschichtungen bei den ARD-Angeboten vornehmen; für Neues soll Platz im bestehenden Angebot geschaffen werden, um die Über- bzw. Unterversorgung von spezifischen Zielgruppen zu verringern
Es wäre daher wünschenswert gewesen, wenn die Strategie auch etwas zu geplanten konkreten Veränderungen im linearen Fernsehen gesagt hätte. Oder sind dort gar keine mehr geplant? Viele wünschen sich, dass es mehr Dokumentationen, Erklärformate, Hintergrundberichte und Filmproduktionen gäbe, die zu einer attraktiven Sendezeit ausgestrahlt werden. Musste die ARD etwa den beeindruckenden Film "Führer und Verführer" über die Verbindung von Hitler und Goebbels am 25. Januar 2026 erst um 23.35 Uhr im Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenktag im Ersten ausstrahlen statt zu einer zuschauerfreundlicheren Zeit, etwa auf einem Krimi-Programmplatz? Kein Wunder, dass es dagegen Proteste gab.
Das ZDF ist da nicht besser, es hat die von ihm mit Arte produzierte sehenswerte Dokumentation "Ein Nobody gegen Putin" gleich in der Mediathek versteckt; wenige Wochen später wurde die Dokumentation mit einem Oscar prämiert. Das Lineare sollte daher nicht jetzt schon für nahezu tot erklärt, sondern auch dort sollten Veränderungen vorgenommen werden. Ein weiteres Bespiel: Muss man das neue Format "Flugmodus" des NDR-Medienmagazins "Zapp", mit dem man sich bewusst Zeit für Einordnung, Kontext und tiefgründige Gespräche über relevante Medienthemen nehmen will, nur in die Mediathek stellen? Das wäre auch linear wertvoll.
Und ob es in diesen politisch herausfordernden Zeiten sinnvoll ist, wieder eine lange Sommerpause bei den Polittalks von fast drei Monaten zu machen, ist auch fraglich. Hoffentlich werden diese Sendeplätze nicht wieder hauptsächlich mit Krimis oder Wiederholungen gefüllt. Wäre es nicht sinnvoll, in der Sommerpause von Caren Miosga und Louis Klamroth in Dokumentationen oder Talkrunden mit Politikwissenschaftlern und Experten einmal aufzuarbeiten, welche Programme und Ziele die AfD hat und wie sich eine etwaige Regierungsbeteiligung auf Deutschland und den einzelnen auswirkt? Gute Tageszeitungen berichten darüber seit Längerem ausführlich.
Der ARD-Vorsitzende Florian Hager hat Mitte Mai auf der re:publica erfreulicherweise erklärt: "Wenn sich jemand außerhalb des demokratischen System sieht, dann sind wir Systemmedien - wir sind Medien des demokratischen Systems, das ist unser Auftrag und dazu stehen wir auch. Ich bin der Meinung, dass wir Gegnern des demokratischen Systems nicht die gleiche Bühne bauen müssen." In der Tat, man darf der AfD keine Plattform geben und die Politiker der AfD immer wieder einladen, wie es in den Talkshows vermehrt der Fall ist.
Umschichtungen im Angebot müssen nicht zwingend nur in eine Richtung, vom Linearen ins Non-Lineare, gehen, es ginge auch umgekehrt. So will der MDR beispielsweise Podcasts streichen, die nicht mehr als 6.000 Nutzer haben. Nicht alles, was es non-linear gibt, dient offensichtlich dem Auftrag. Und Vorsicht vor zu vielen Teilöffentlichkeiten, wenn man immer mehr und kleinere Zielgruppen erreichen will. Darüber lässt sich der Auftrag schwerlich erfüllen, der auf die gesamte Gesellschaft bezogen ist. Durch Umschichtungen frei werdendes Geld kann hier und da auch einmal dem Auftrag entsprechend in neue lineare Angebote, etwa im Ersten, investiert werden. Das scheint aber offenbar für die ARD leider kein Thema zu sein.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde von den Alliierten zur Entwicklung der jungen Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg und zu ihrem Schutz geschaffen. Das sieht die ARD auch in ihrer Strategie und will negativen Einflüssen auf die Meinungsbildung entgegenwirken. Aber wie sie das tun will, bleibt in der Strategie leider offen. Durch Polarisierung, viel Kritik an Politik, Regierung und Verwaltung und durch den Einfluss der Social-Media-Plattformen gerät mehr und mehr aus dem Blick, was unsere Demokratie leistet - und auch der Gemeinsinn geht mehr und mehr verloren. Wäre es nicht sinnvoll, im Programm mehr darüber zu berichten und ihre Vorteile zu erläutern? Und den Integrationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ernst zu nehmen?
Warum gibt es im Ersten und Zweiten keine kurzen Sendungen oder klug gemachte kurze Spots zum Thema Demokratie, wie sie funktioniert, wie es ohne sie aussähe? Warum nutzt die ARD im Ersten dafür nicht auch die Reihe "Wissen vor acht"? Da wird über vieles geredet, zum Teil über Belangloses wie "Das Croissant" oder "Die perfekte Arschbombe" oder "Das quadratische Taschentuch", um nur ein paar doch fragwürdiger Sendungen zu nennen. Kann man hier nicht etwas für die Demokratie tun und auch für die ARD selbst? Es gab in 2020 in ARD-alpha einmal die Sendereihe "Demokratie verstehen", die kaum jemand gesehen hat. Kann man die nicht einfach im Ersten einmal in der Woche wiederholen?
Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat im März von den Medien eine Beistandspflicht gegenüber der Demokratie gefordert und erklärt: Wenn bei den Mediennutzern "vor allem die Fragwürdigkeit der Demokratie hängen bleibt, kann doch etwas nicht stimmen". Da ist schon etwas dran. Muss ständig von "Streit" in der Koalition oder innerhalb von Parteien in Sendungen und Talkrunden die Rede sein? Oft auch über Kleinigkeiten? Sind Debatten über Lösungswege in der Demokratie nicht ganz normal? Und wird das nicht viel zu wenig deutlich gemacht und stattdessen unnötig zur Polarisierung und Spaltung in der Gesellschaft durch ständige Thematisierung politischer "Streits" beigetragen, die oft noch als "Desaster" tituliert werden?
Es wäre begrüßenswert, wenn gerade in Talkrunden nicht immer wieder über Streit diskutiert würde, sondern auch einmal Dinge aufgerufen würden, die positiv und erfolgreich verlaufen - oder auch einmal Themen erörtert würden, die zu den Top 10 der vergessenen Nachrichten zählen. SWR-Intendant Kai Gniffke hat kürzlich für eine Änderung in der Kultur der Auseinandersetzung mit politischen Themen plädiert und gesagt: "Der Journalismus darf es sich nicht zu einfach machen und lässig sagen: Die streiten ja nur." Und auch Altkanzlerin Merkel hat erst kürzlich die heutige Debattenkultur kritisiert und zurecht den Begriff Streit problematisiert.
Auch darüber - und über mehr konstruktiven Journalismus - sollte die ARD einmal nachdenken und konkrete Schritte tun, wenn sie die Demokratie, auch in ihrem eigenen Interesse, unterstützen will. Die in der öffentlichen Debatte kolportierte starke Spaltung der Gesellschaft spiegelt sich laut der von ARD, ZDF und Deutschlandradio beauftragten Zusammenhalts-Studie vom September 2025 nicht im persönlichen Umfeld der Menschen wider. Zwei Drittel der Befragten berichten von einem starken Zusammenhalt und intensiven Zugehörigkeitsgefühlen im persönlichen Umfeld.
Das Ziel der "zukunftsweisenden Gesamtstrategie" ist sehr begrüßenswert. Nur: Wie soll es erreicht werden? Dazu enthält die Strategie nichts Konkretes. Das gilt auch für die acht strategischen Leitlinien, die sehr allgemein bleiben. Die ARD ist nicht unbedingt bekannt dafür, dass sie mutig und schnell Reformen umsetzt.
Laut der Zusammenhalts-Studie vom September 2025 erwarten 82 Prozent der Bevölkerung, dass die Sender etwas zum Zusammenhalt der Gesellschaft tun, aber nur 47 Prozent meinen, dass sie das auch schon ausreichend tun. Hier ist also noch viel Luft nach oben. Und die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen aus 2024 stellte fest, dass dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zwar immer noch viel Vertrauen entgegengebracht wird, aber der Wert sei auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung.
Wie die ARD Qualitätsjournalismus bieten will, wird auch nicht näher erläutert. Es ist zwar erfreulich, dass nicht Quantität, sondern Qualität, Expertise, Innovation, Dialog und Perspektivenvielfalt entscheidend sein sollen. Aber das lässt sich nur mit Änderungen auch im linearen Angebot realisieren (vgl. dazu den Beitrag "Auf die Inhalte kommt es an" von Jürgen Betz in epd 5/23). Und ein klares Bekenntnis dafür, dass die Quote künftig kein relevanter Maßstab mehr sein soll, findet sich auch nicht in der Strategie.
Reformen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat Ende 2025 auch der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, für erforderlich gehalten, um mehr Vielfalt zu gewährleisten. Ihm fehle bei den etablierten Medien mitunter mehr Mut, sagte er. Mut zu starken Thesen, Mut auch einmal etwas zu loben, Mut zu priorisieren, Mut zu neuen Formaten, Mut zu niedrigen Einschaltquoten, Mut zu unpopulären Entscheidungen.
Man wird sich dazu auch von der vielfach kritisierten Menge von Krimis verabschieden müssen. Entspricht es dem Auftrag, wenn das Erste um die Osterzeit an sechs Tagen jeweils um 20.15 Uhr ausschließlich Krimis sendet und am Karfreitag den gesamten Abend sogar vier Folgen einer Krimiserie ausstrahlt? Vielleicht kann ja der "Portfoliomanagementprozess", den die ARD starten will, hier Abhilfe schaffen. Mit dem Begriff allein ist allerdings wenig anzufangen. Hoffentlich dient er auch dazu, über die Inhalte nachzudenken und nicht nur über Umschichtungen von linear zu non-linear.
Die ARD hat mit ihrem "Zukunftsdialog 2021" schon einmal die Nutzer um Stellungnahmen gebeten, die auch von vielen abgegeben wurden. Die Ergebnisse und Wünsche waren sehr klar: mehr Information, mehr Hintergrundberichte, mehr Dokumentationen, mehr Tiefe und Erklärformate zu attraktiven Sendezeiten, mehr Dialog mit dem Publikum und weniger Krimis. Sie wurden aber im Programm entgegen der Erklärung des damaligen ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow kaum umgesetzt: "Wir von der ARD haben nicht nur zugehört, sondern wir machen auch etwas aus den Ideen."
Und auch der ja sogar staatsvertraglich vorgeschriebene Publikumsdialog ist bislang sehr schwach ausgeprägt. Man kann beispielsweise an die ARD schreiben, erhält aber außer einer Eingangsbestätigung kaum einmal eine Antwort. Beim ZDF ist das nicht anders, der Zuschauerservice dankt in der Regel für die Eingabe und leitet sie an die "zuständige Redaktion" weiter. Von der hört man aber selten etwas. Und auch Kontakte zu den Gremien erweisen sich bislang als schwierig.
Zu Recht hat der Vorsitzende der ARD-Gremienvertreterkonferenz, Klaus Sondergeld, im GVK-Newsletter vom März 2025 für ein Mehr an Dialogbereitschaft zwischen den Organen der Anstalten und der Gesellschaft plädiert. Auch WDR-Intendantin Katrin Vernau hat 2025 die zentrale Bedeutung der Glaubwürdigkeit, der Nähe und des Vertrauens für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterstrichen und eine stärkere Partizipation des Publikum befürwortet: Die Bürgerinnen und Bürger müssten aktiv in die Programmentwicklung einbezogen werden. Das will aktuell auch Brandenburg, wo genau deshalb ein Bürgerrat zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingesetzt werden soll.
Das greift die ARD-Strategie nun erneut auf. Man darf gespannt sein, ob der Publikumsdialog nun endlich umgesetzt wird. Ein Vorbild gibt es bereits beim ORF: Der österreichische Sender hat schon 2025 den Bürger-Dialog "ORF 2032 - Damit unabhängige Information eine Zukunft hat" organisiert, an dem sich viele beteiligt und sechs konkrete Vorschläge und Forderungen an das Angebot des ORF unterbreitet haben. So etwas stünde der ARD auch gut an. Allerdings müsste gewährleistet sein, dass die Bürgerbeteiligung nicht wieder wie 2021 folgenlos bleibt.
Man kann nur hoffen, dass die ARD ihr Ziel, die Nutzenden konsequent in den Mittelpunkt ihrer strategischen Entscheidungen stellen, endlich umsetzt. "Die ARD-Strategie" und ihre Ziele müssen noch mit viel konkretem Leben gefüllt werden, sonst bleiben sie blass und wenig hilfreich. Daran wird sich die ARD messen lassen, auch vom neuen Medienrat.
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Text: Jürgen Betz war von 2008 bis 2017 Justiziar des Hessischen Rundfunks.
Zuerst veröffentlicht 14.07.2026 09:20 Letzte Änderung: 14.07.2026 09:27
Schlagworte: Medien, ARD, ARD-Strategie, Digitalisierung, Fernsehen, Betz, NEU
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