Das Wünschen nicht verlernen - epd medien

28.01.2026 08:20

Die Evangelische Akademie Loccum lud Anfang Januar zu dem Seminar "Auftrag Demokratie - Welchen öffentlich-rechtlichen Rundfunk brauchen wir?" ein. Die Veranstaltung war als senderübergreifende Fortbildung für Mitglieder der Aufsichtsgremien der Sender konzipiert. Der Journalismus-Forscher Volker Lilienthal, seit 2019 Mitglied im Deutschlandradio-Verwaltungsrat, schildert seine Eindrücke von dem Treffen.

Stimmungsbericht aus der Loccumer Gremiendebatte

Blick auf die Evangelische Akademie Loccum

epd Nicht erst mit dem neuen Reformstaatsvertrag gilt die Aufforderung an die Mitglieder von Rundfunk- und Verwaltungsräten, sich für ihre Aufsichtsarbeit regelmäßig fortzubilden. Das Tempo und die Art und Weise der Umsetzung dieser gesetzlichen Vorgabe in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten war wohl unterschiedlich.

Anfang Oktober vergangenen Jahres machte das Deutschlandradio seinen Gremienmitgliedern das Angebot eines webbasierten Trainings zu Compliance und Good Governance, das man bei der ARD/ZDF-Medienakademie absolvieren kann. Auch ich habe mir dort ein kleines Zertifikat geholt, die Reihe soll fortgesetzt werden. Teilnehmen kann man auch an einem Online-Kurs der Virtuellen Hochschule Bayern zu Entwicklung, Strukturen und Inhalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Zwangloser Austausch

Noch besser ist es, wenn die Initiative zur Fortbildung senderübergreifend von Gremienmitgliedern selbst ausgeht. Karsten Rudolph und Andreas Meyer-Lauber, Ex-Mitglied im WDR-Verwaltungsrat der eine, ehemals Vorsitzender des WDR-Rundfunkrats der andere, kamen auf die Idee, ein solches Fortbildungsseminar erstmals auszurichten. Die Evangelische Akademie Loccum mit ihrem Studienleiter Albert Drews griff das gerne auf und lud vom 8. bis 10. Januar zu dem Seminar "Auftrag Demokratie - Welchen öffentlich-rechtlichen Rundfunk brauchen wir?" ein. Die Tagung wurde öffentlich angekündigt, es konnten also auch interessierte Bürgerinnen und Bürger teilnehmen; ein paar wenige nutzten das tatsächlich.

Unter dem Dach der schönen Akademie in Loccum bestand damit erstmals die Gelegenheit, dass sich Gremienmitglieder zwangslos und unter vier Augen auch vertraulich über ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsame Perspektiven für die künftige Aufsichtsarbeit entwickeln konnten. Die Loccumer Tagung war mit rund 50 Teilnehmenden gut besucht. Rund 30 davon waren derzeitige oder ehemalige Gremienmitglieder, weitere kam aus Intendanzen und aus der Geschäftsstelle der Gremienvertreterkonferenz der ARD. Hält man sich jedoch vor Augen, dass es in Deutschland mehr als 600 Mitglieder in Aufsichtsgremien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten gibt, so hätte die Beteiligung gerne noch größer sein dürfen.

Kritischer Blick auf den Status quo

Schon in den ersten Redebeiträgen nach Eröffnung der Tagung wurde deutlich, dass unter den Gremienmitgliedern bei aller Wertschätzung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch manche Enttäuschung rumort. Auch vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung im WDR-Rundfunkrat konstatierte Meyer-Lauber, der öffentlich-rechtliche Rundfunk bilde in der politischen Berichterstattung wichtige Themen gar nicht oder nur unzureichend ab. Er als ehemaliger Vorsitzender denke manchmal nach einem Fernseherlebnis: "Jetzt schreibe ich mal an den Rundfunkrat."

Chronisch unterentwickelt sei die Kommunikation mit den Beitragszahlenden, so Meyer-Lauber - und das, wo doch die Länder mit dem Reformstaatsvertrag nun den Auftrag zum erweiterten "Gesellschaftsdialog" (Paragraf 26a) ausgerufen haben. Klaus Sondergeld, Vorsitzender des Rundfunkrats von Radio Bremen und seit 19. Januar neuer Vorsitzender der erstmals konstituierten Gremienvertreterkonferenz der ARD, sagte am 9. Januar in einer von 13 Thesen voraus, dass dieser Dialog nur unter der Voraussetzung gelingen werde, "dass auch die Leisen und Stillen gehört werden, nicht nur die Lauten, dass die Teilhabe sich nicht auf die Dialoggeübten beschränkt".

Überregulierung befürchtet

Eher kritisch ist auch die Sichtweise von Karsten Rudolph, der Autor des Buches "Sendestörung - Aufstieg und Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks" ist. In Loccum sagte Rudolph, der die Tagung zusammen mit Meyer-Lauber und Drews moderierte, der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe schon viele Krisen überstanden. Aber seine Zukunft sei "ungewisser denn je".

Viel beachtet wurde der Vortrag von Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios. Er stellte die Erfolge seines Hauses, aber auch von dessen "Eltern" - also von ARD und ZDF - heraus, wobei die Mainzer besonders gut wegkamen ("Erfolgsgeschichte" dank raffiniertem Programmmarketing). Nach Raues Eindruck ist der Reformstaatsvertrag unter dem Eindruck der Schlesinger-Affäre entstanden. Das sei verständlich. Jedoch hätten auch die neuen strengeren Vorgaben diesen Skandal nicht verhindert, glaubt Raue.

Was hier anklang, ist eine Skepsis gegenüber einer Überregulierung, wie sie von etlichen Gremienmitgliedern geteilt wird. Raue sprach von einem "bürokratischen Überhang". Ob der zu besseren Sendern führe, sei nicht ausgemacht. Ein Zuviel an Vorschriften könnte auch die Programmleistung beeinträchtigen. Eine Sichtweise, die Klaus Sondergeld teilt: "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht jetzt mindestens eine Bürokratisierungspause", heißt es zu Beginn seiner 13. und letzten These - mit Betonung auf Pause.

Erhebliche Ernüchterung

Jüngste Debattenbeiträge zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, etwa vom ehemaligen Bundesverfassungsrichter Andreas Voßkuhle, hat der Intendant Raue so wahrgenommen, dass die Sender sich etwas trauen sollten, dass sie Schluss machen sollten mit der "Nummer Sicher". Raue schloss sich dem an und riet zu "Freiräumen für Experimente" und auch "Provokationen" - Empfehlungen, die ja zunächst primär an das eigene Haus zu richten sind.

Sehr erfrischend und ehrlich war auch der nächste fachliche Input am ersten Seminartag. Der Vorsitzende Martin Detzel erläuterte die Arbeitsweise der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF). Die Kommission und die Gremien haben ja eine große Gemeinsamkeit: Die Ländergesetzgeber haben sie als unabhängig konzipiert - unabhängig von den Sendern wie von der Politik gleichermaßen. Detzel ließ nicht nur diplomatisch durchklingen, dass es diese Unabhängigkeit zu verteidigen gilt. Er kritisierte, dass Stimmen aus der Medienpolitik der Bevölkerung eine angebliche "Kostenexplosion" vermittelten. Und er dämpfte die Erwartung der Ministerpräsidenten, dass es schon ab 2027 zu spürbaren Kostensenkungseffekten kommen könnte

Detzel sieht "gefährlichen Weg"

"Wir sind auf einem gefährlichen Weg in Deutschland", sagte der KEF-Vorsitzende, wenn medienpolitisch eher mit Emotionen statt "auf Faktenbasis" entschieden werde. In der Diskussion des Vortrags widersprach der CDU-Politiker Fritz Jaeckel, seit 2019 Mitglied im WDR-Verwaltungsrat und zuvor von 2014 bis 2017 Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten im Freistaat Sachsen sowie Chef der Staatskanzlei: Die KEF unterschätze, so sein Argument, unter welchem Konsolidierungsdruck die Bundesländer stünden.

Einsilbig wurde der sonst so redselige KEF-Vorsitzende Detzel, als der frühere HR-Justiziar Jürgen Betz von ihm wissen wollte, wie er die Zukunft der Rundfunkfinanzierung nach den im Jahr 2026 anstehenden Landtagswahlen einschätze. Normalerweise, so Detzel, sei er ja ein Freund davon, die Dinge zu Ende zu denken. Bei dieser Frage aber sei ihm die Perspektive zu pessimistisch. Zum Ende des ersten Seminartages am 8. Januar) sorgte das doch für erhebliche Ernüchterung.

Hatzinger: "Kritisch-konstruktives Gegenüber"

Katrin Hatzinger, Vorsitzende des Hörfunkrates beim Deutschlandradio und Leiterin des Büros der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der EU in Brüssel, hatte ihre Reise nach Loccum wegen der winterlichen Wetterlage nicht antreten können (wie andere auch), war aber am 9. Januar per Video zugeschaltet. In ihrem Impulsreferat schilderte sie, wie stark der Hörfunkrat schon seit Längerem um eine Optimierung der eigenen Arbeit bemüht ist.

Die vom Hörfunkrat zu erledigenden Aufgaben hätten auch wegen einer wachsenden Zahl von Programmbeschwerden zugenommen. Der Gesetzgeber lasse aber manchmal hinreichendes Bewusstsein dafür vermissen, dass es sich bei Gremienaufsicht um ein Ehrenamt handele. Um hier für mehr Transparenz zu sorgen, sollte der Hörfunkrat Hatzinger zufolge mehr über seine eigene Arbeit berichten. Die Rundfunkgremien in Deutschland müssten sich auch untereinander stärker vernetzen, forderte sie. Zudem erinnerte sei daran, dass das Durchschnittsalter von Gremienmitgliedern hoch sei. Es müssten auch jüngere Menschen für dieses Ehrenamt gewonnen werden.

"Wir verstehen uns als kritisch-konstruktives Gegenüber zur Hausleitung", fasste Hatzinger das Selbstverständnis des Hörfunkrats zusammen und fügte hinzu: "Niemand von uns möchte sich ein Deutschland ohne unabhängige öffentlich-rechtliche Medien vorstellen." Die Vorsitzende forderte die Rundfunkgremien dazu auf, sich rechtzeitig auf die "Aggressivität der selbsternannten Feinde" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorzubereiten - etwa indem Satzungen und Verfahren angepasst werden, bevor feindlich gesinnte Vertreter in die Gremien einziehen und versuchen, sachorientierte Arbeit zu blockieren.

Umgang mit Rechtspopulisten

"Wie umgehen mit Rechtspopulisten?" war der Nachmittag des zweiten Tages überschrieben. Jetzt kam offen zur Sprache, was bislang nur raunend angeklungen war: die erklärte Feindschaft der AfD gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dabei ist die notwendige Auseinandersetzung mit dieser Partei ja eine doppelte: Wie umgehen mit ihrem Anspruch auf Repräsentanz im Programm, und wie präventiv reagieren auf die mehrfachen Ankündigungen, Rundfunkstaatsverträge zu kündigen?

In freier und gewinnender Rede erläuterte WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni, warum der Sender auch die AfD möglichst neutral zu Wort kommen lassen will. Das ergebe sich rechtlich schon aus dem Parteienprivileg. Der Sender nehme "keine politische Positionierung vor, damit die Berichterstattung für möglichst viele Menschen nachvollziehbar bleibt". Aber, auch das stellte Ehni klar, die "demokratische Legitimation" einer Partei und ihrer Repräsentanten ersetze nicht die notwendige journalistische Prüfung. Fairness bedeute eben auch, dass Aussagen eingeordnet werden können - und nicht, dass sie ungeprüft wiedergegeben werden müssten. Das gelte für alle Parteien. Neutralität ja, Passivität nein - so brachte es Ehni auf den Punkt. AfD-Aussagen würden eingeordnet, wenn sie nachweislich falsch oder extremistisch seien.

Netter Versuch

Wegen des schwebenden Verfahrens vor Gericht scheut sich der WDR aber offenbar, die AfD insgesamt "rechtsextremistisch" zu nennen. Eine Markierung der AfD als schlecht und gefährlich erreiche 80 Prozent des Viertels, das derzeit AfD wähle, gar nicht mehr, so Ehni: "Je häufiger wir sagen, das ist gesichert rechtsextrem, desto mehr geht das in das eine Ohr rein und aus dem anderen raus."

Berichterstattung ist das eine, politische Selbstartikulation in Gesprächssendungen das andere. Es gebe keinen Anspruch der AfD auf Einladung zu "Hart aber fair" oder "Maischberger", betonte die Chefredakteurin, denn: "Talkshows sind keine Ersatz-Parlamente." Wenn eine Redaktion die AfD aber doch aus thematischen Gründen einlade, sei eine journalistische Einordung "in Echtzeit" wünschenswert. Als Beispiel führte Ehni Olaf Sundermeyer als Konterpart von Tino Chrupalla bei "Maischberger" an. Netter Versuch - aber wie oft gelingt der?

In der Frage der Gremienmitwirkung von AfD-Repräsentanten plädierte Barbara Ludwig, MDR-Verwaltungsratsmitglied und früher Oberbürgermeisterin von Chemnitz (witterungsbedingt per Video zugeschaltet wie auch Ehni), für Gelassenheit: sachlich argumentieren, am Thema bleiben, keine Bühne bieten - so ihre Empfehlungen. Im MDR-Rundfunkrat sitzt die AfD derzeit nicht. Erfahrungen mit AfD-Rundfunkräten gibt es dort aber aus der Vergangenheit.

Stefan Raue, der früher trimedialer Chefredakteur beim MDR war, erinnert sich an "endlose Fragenkataloge" der AfD - vermutlich nur eingereicht, um Intendanz, Chefredaktion und den Rundfunkrat zu beschäftigen. Raue stellte die an alle gerichtete Frage in den Raum, ob die Gremien - zum Beispiel mit ihren Geschäftsordnungen - hinreichend auf eine verstärkte AfD-Vertretung eingestellt seien. Die Antwort wird wohl Nein sein.

Robra: Chaos verhindern

Das leitete über zur Diskussion am Freitagabend, an der Staatsminister Rainer Robra (CDU) und Staatssekretärin Heike Raab (SPD) teilnahmen (ebenfalls per Video). Robra sieht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einer Akzeptanzkrise und wertet den neuen Reformstaatsvertrag als "unseren derzeit letzten Versuch", diese Akzeptanz wieder zu erhöhen. Das Wörtchen "letzte" setzte dabei einen bedrohlichen Akzent, Robra drückte auch aufs Tempo: "Das muss jetzt ganz schnell gehen", sonst sei "Chaos" zu befürchten, sagte der Chef der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt wohl auch im Hinblick auf die Landtagswahl in seinem Bundesland am 6. September.

Raab sprach dann eher allgemein von Plattform-Ökonomie und KI, die den Veränderungsdruck erhöht hätten. Die SPD-Medienpolitikerin plädierte unter anderem dafür, "neue Allianzen zu suchen", und wünscht sich mehr Kooperation zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk - eine Forderung, der die (ebenfalls per Video zugeschaltete) ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab ausdrücklich zustimmte. CDU-Politiker Robra lobte Pfab dafür, dass sie die "Gesetzeskraft" des Reformstaatsvertrags anerkannt habe. In einem WDR-Gutachten sei dagegen nur von Soll-Bestimmungen die Rede gewesen, monierte Robra: "Das ist eins zu eins umzusetzen."

Vor den Landtagswahlen passiert gar nichts mehr.

Währenddessen wurde im Auditorium in Loccum eine gewisse Ungeduld spürbar. Sensibilisiert durch die Ausführungen des KEF-Vorsitzenden Detzel am Vortag, wollten viele Zuhörende endlich wissen, wie es mit der Beitragserhöhung weitergeht. In den Antworten des Politikers und der Politikerin war der anhaltende Ärger der Länder über die ARD/ZDF-Klage vor dem Bundesverfassungsbericht deutlich geworden, die KEF eingeschlossen.

Robra dämpfte die Erwartungen: "Vor den Landtagswahlen passiert gar nichts mehr." Ein Beitragsaufschlag vor der Zeit wäre aus seiner Sicht nur eine Einladung für die AfD zu populistischen Aktionen, sagte er offenkundig mit Blick auf den Wahlkampf, den auch seine Partei führt. Robra will also offenbar mindestens bis 20. September abwarten, wenn auch in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt wurde.

Etliche Minuten später in der Diskussion hatte der CDU-Politiker aber ein ganz anderes Argument parat, warum Stillstand herrscht: Das Urteil aus Karlsruhe sei abzuwarten, es sei nicht opportun, an einem "Werkstück" zu arbeiten, während sich noch das höchste deutsche Gericht darüber beuge.

Das Ende der linearen Welt

Unverständnis, ja Unmut löste in Loccum noch eine andere Äußerung von Robra aus. Es müssten nicht "dermaßen viele Programmstunden produziert werden, die sich versenden. Das ist nicht nötig, das versendet sich." Da fragte man sich: Will Robra, dass die Nachtlücke wieder eingeführt wird?

ARD-Generalsekretärin Pfab formulierte vorsichtigen Widerspruch: "Ja, vielleicht versendet sich da manches." Tatsächlich aber nicht, denn man lebe nicht mehr in einer linearen Welt, sondern in der der Mediatheken, von denen jegliches Programmvermögen immer noch mal wieder von den Beitragszahlenden genutzt werden könne, so Pfab sinngemäß. Felix Mai, der neue Justiziar des ZDF, sekundierte: Er kenne ja Robras Position, die Sender sollten sparsam sein in der Programmerstellung. Eine solche Forderung berühre aber den Kern der Rundfunkfreiheit.

Wie hatte Klaus Sondergeld in seinem Referat gesagt? Wegen der neuen technischen Möglichkeiten zur orts- und zeitsouveränen Programmauswahl verliere "quotenfixiertes wie quotenkritisches Denken" an Bedeutung. Jedoch hatte auch der RB-Rundfunkratsvorsitzende in der fünften seiner 13 Thesen einen Interpretationsspielraum im Sinne von Robra aufgemacht: "Zur Transparenz gehört auch ein Minutenpreis pro Zuschauerin oder Hörer." Wurde hier ausreichend bedacht, was die Konsequenz für die sogenannten Minderheitenprogramme wäre?

Die Heterogenität des Gremiums ist die Stärke.

Bis hierhin hatte die Loccumer Tagung überreichlich Stoff für die versammelten Gremienmitglieder geliefert, um nach vorne blickend die eigene Rolle zu überdenken und angesichts der Problemdiagnosen womöglich neu zu justieren. Dafür bot der dritte (Halb-)Tag, der Samstag, Gelegenheit. Irene Vorholz, im ZDF-Fernsehrat die Vorsitzende des Programmausschusses Programmdirektion, fragte eingangs: Sind die Gremienmitglieder kompetent genug? Und, so wörtlich: "Führt mehr Kontrolle auch zu mehr Qualität?"

Im ZDF-Fernsehrat kämen Menschen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen zusammen, so Vorholz: "Die Heterogenität des Gremiums ist die Stärke." Man sei sich einig, dass die Vertretung von Partikularinteressen unerwünscht sei und dass das Ehrenamt Zeit, aber auch Kenntnis erfordere. Der Fernsehrat, dessen 60 Mitglieder in der laufenden Amtsperiode zu drei Viertel Frauen sind, kümmere sich auch um die eigene Fortbildung. Das sei aber "wie bei den Krankenkassen", so Vorholz mit erfrischender Offenheit. Die Kranken gingen nicht in die Fitnesskurse.

Fensterreden im Live-Streaming?

In den zu behandelnden Programmbeschwerden sei "so viel Geschmackssache". Vorholz plädierte deshalb für eine Art Umkehrschluss: Wenn nur wenigen Programmbeschwerden stattgegeben werde, bedeute das nicht, dass das gesamte Programmangebot gut sei? Vorholz sprach auch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts an, wonach sich ein Anspruch auf Beitragsrückzahlung ergeben könnte, wenn Vielfalt und Ausgewogenheit des Gesamtangebots nachweislich "gröblich verletzt" wären. "Genau das machen wir", so Vorholz, nämlich beständig auf Vielfalt und Ausgewogenheit achten.

Skeptisch beurteilt Vorholz das Live-Streaming aus Sitzungen des Fernsehrats. Eigentlich eine Übung in Transparenz, führe es doch dazu, "dass Fensterreden gehalten werden". Unterstützt wurde diese Sichtweise von Sondergeld: Der Rundfunkrat von Radio Bremen übertrage seine Sitzung zwar noch nicht direkt, weil die Mehrheit dafür fehle. Das werde aber kommen. Er halte es für falsch und habe an sich erlebt, dass er einen "geglätteten Vortrag" gehalten habe, als er einmal vom NDR-Rundfunkrat eingeladen war - wo live gestreamt wird.

"Wir müssen sie challengen!"

Dem widersprach mit Verve der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch, der sich trotz Schnee von Wien ins niedersächsische Loccum durchgekämpft hatte. Fensterreden, die habe es auch schon früher hinter verschlossenen Türen gegeben, sagte Dobusch, der über Erfahrungen aus dem ZDF-Fernsehrat verfügt und nun in den ORF-Stiftungsrat gewechselt ist. Überraschenderweise nahm Dobusch auch keinen Anstoß an den politischen Freundeskreisen, die es insbesondere im ZDF-Fernsehrat schon immer gegeben hat: "Die Freundeskreise sind ein Transparenzinstrument nach innen."

Sehr wohl aber sollten sich diejenigen, die sich nicht politisch zuordnen möchten, untereinander besser vernetzen. Denn: "Die auf der Staatsbank sind alle schon in derselben Chatgruppe."

In Loccum versuchte sich Dobusch an einer Agenda für die Gremien. Aus seiner Sicht ist die Verteidigung der öffentlich-rechtlichen Idee nicht dasselbe wie die Verteidigung der öffentlich-rechtlichen Angebote. Er dazu auf, "von den Öffentlich-Rechtlichen mehr zu verlangen. Wir müssen sie challengen! Das ist ein loyaler Akt."

Strukturelles Problem der Gremienaufsicht

Dobusch sähe es gern, wenn die alte Idee einer "Publikumsbank" in Rundfunkräten politisch wiederbelebt würde. Wörtlich sprach er von einer "aleatorischen Aufsicht durch geloste Rundfunkschöffen". Noch herrsche weithin eine zu hohe Identifikation mit dem zu kontrollierenden Sender vor. Nach außen könne leicht der Eindruck entstehen, die Senderchefs und die Aufsichtspersonen seien "alles dieselbe Mischpoke".

Gremien sollten viel öfter selbst die Initiative ergreifen und Impulse in die Rundfunkanstalt senden, sagte Dobusch unter Verweis auf die im April 2025 vorgelegte "Potenzialanalyse: Perspektiven für Digitalen Public Value im ZDF". In Auftrag gegeben vom Verwaltungsrat, habe sich dieses Gutachten in Respektierung der unterschiedlichen Zuständigkeiten von Verwaltungsrat und Fernsehrat bewusst nicht auf Fragen des Programms bezogen.

Das war zwar einerseits formal korrekt, könnte aber auch ein strukturelles Problem der Gremienaufsicht überhaupt sein: die strikte Trennung zwischen Finanz-, Bau- und Personalaufsicht einerseits und Programmaufsicht andererseits, einschließlich von Vertraulichkeitsgeboten. Vielerorts fehlt es an Vermittlung und Erfahrungsaustausch zwischen den Sphären.

Fest steht: Mit den neuen Anforderungen, nicht erst seit dem Reformstaatsvertrag, ist Gremienaufsicht noch anspruchsvoller und individuell aufwendiger geworden. Anja Kramer, Mitglied im NDR-Rundfunkrat und im ARD-Programmbeirat, berichtete, dass sie pro Woche etwa 20 Stunden zusätzlich für ihre Ehrenämter aufwende. Das merkte man zwar an der hohen Kompetenz, mit der sie sich äußerte. Aber natürlich hat sie, als Vorständin des ver.di-Bildungswerks in Niedersachsen, wie alle anderen auch noch einen Hauptberuf. Da liegt die Frage nahe, wer sich das auf Dauer antut.

Regelmäßiger Austausch gewünscht

Wohl die meisten Teilnehmenden gingen nach Tagungsschluss mit dem guten Gefühl auseinander, an einem informativen und inspirierenden Erfahrungsaustausch teilgenommen zu haben. Einigkeit herrschte darin, dass eine solche senderübergreifende Gremientagung mindestens einmal im Jahr wiederholt werden sollte - und das nicht nur, weil die Länder Gremienfortbildung verlangen.

Es scheint viel mehr ein tief sitzendes Bedürfnis der Engagierten zu sein, der dynamischen Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf die Spur zu bleiben und die eigene Aufsicht zu professionalisieren, damit die eigenen Verbesserungsvorschläge in den Sendern auch wirklich gehört und beherzigt werden. Als das Wünschen noch geholfen hat - wir leben nicht in solchen Zeiten.

Und dennoch: Über die ständige Übung der Programmkritik hinaus sollte das Wünschen im Sinne einer konkreten Utopie kultiviert werden. Rundfunkgremien können nach Freiräumen für die Programmschaffenden und nach Experimenten rufen. Die Sender müssten sich dazu so oder so verhalten. Eine weitere lohnende Aufgabe könnte das Brückenbauen zwischen Verwaltungsräten und Rundfunkräten sein.

Für den Moment aber: In der Frage der Rundfunkfinanzierung wurden in Loccum die tiefen Gräben zwischen Bundesländern einerseits und den Rundfunkanstalten und ihren Gremien andererseits sichtbar. In ohnehin polarisierten Zeiten, in denen Systemfeinde mit Aussicht auf Erfolg das bewährte Rundfunkgefüge zu sprengen trachten, ist diese Uneinigkeit eine mehr als beunruhigende Erkenntnis.

Volker Lilienthal Copyright: Foto: Wulf Rohwedder Darstellung: Autorenbox Text: Volker Lilienthal war von 2009 bis 2025 Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. Zuvor arbeitete er 20 Jahre lang als Medienjournalist für den epd, zuletzt von 2005 bis 2009 als Verantwortlicher Redakteur von epd medien.



Zuerst veröffentlicht 28.01.2026 09:20 Letzte Änderung: 28.01.2026 09:44

Volker Lilienthal

Schlagworte: Medien, Rundfunk, Gremien, Loccum, Lilienthal, NEU

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