30.04.2026 13:51
Die neuen Ausgaben von "Klar" von NDR und BR
epd Dass es beim 2025 in drei Folgen erprobten Format "Klar" beim Übergang in den Regelbetrieb Veränderungen geben wird, war bereits im vergangenen Jahr nach den heftigen Diskussionen um das Format bekannt geworden: Die Anzahl der Folgen wird verdoppelt (von drei auf sechs), und BR und NDR produzieren die Sendungen des auf ein konservatives Publikum ausgerichteten Formats nicht mehr gemeinsam, sondern getrennt mit jeweils eigener Moderatorin. Darüber hinaus hat der NDR die redaktionelle Zuständigkeit neu geregelt.
Die ersten beiden Folgen des Jahres 2026 - "Zielscheibe Polizei - Pöbeln, Hass, Gewalt" (NDR) und "Wo Islamisten Deutschland unterwandern" (BR) -, die im April liefen, machen deutlich, dass sich die Sendung weiter verändert hat.
Redaktionelle Umstrukturierungen gab es auch beim BR: Im Abspann der Ausgabe von "Wo Islamisten Deutschland unterwandern" erscheint unter "Leitung" neben dem bereits 2025 an "Klar" beteiligten Mike Lingenfelser nun auch Chefredakteur Christian Nitsche. Zudem wurde die Sendung von 45 auf 30 Minuten gekürzt, und der BR zeigt sie nun auch in seinem linearen Programm. Das führt zu dem Kuriosum, dass "Klar" bei NDR und BR zeitgleich läuft - eine Reminiszenz an die Ära vor dem Kabel- und Satellitenfernsehen, als die Dritten Programme noch nicht bundesweit empfangbar waren.
Nicht zuletzt hat sich die Rolle von Julia Ruhs, die bisher das Gesicht von "Klar" war, verändert: In "Wo Islamisten Deutschland unterwandern" ist sie zwar weiterhin im Bild überpräsent, ihr inhaltlicher Einfluss ist im Vergleich zu 2025 aber geringer geworden. Ruhs bekommt hier weniger Gelegenheit, ihre Meinung zu äußern. Im Abspann wird sie dann auch nicht mehr als Autorin geführt, sondern unter "redaktionelle Mitarbeit".
In der vom NDR produzierten Folge "Zielscheibe Polizei" bringt die erstmals zum Einsatz kommende zweite Moderatorin, die frühere "Bild"- und RTL-Chefredakteurin Tanit Koch, eine neue Farbe ins Spiel. Sie schafft mit einem leicht sonoren Timbre eine ruhige Atmosphäre, die "Klar" vorher abging. Die neue Moderatorin führt in das Thema der NDR-Folge so ein: "Bei Berichten über Polizeibeamte geht es regelmäßig um den Vorwurf, sie würden unverhältnismäßige oder exzessive Gewalt ausüben. Und solche Fälle gibt es. Wir wechseln aber heute mal die Perspektive und blicken auf Gewalt und Respektlosigkeit gegen die Polizei. Wie groß ist das Problem, woher kommt die Aggression - und was macht das mit den Menschen in Uniform?"
Koch formuliert das zwar auf eine gewinnende Art, aber tendenziös ist es trotzdem. Sie suggeriert, dass in der Berichterstattung die andere "Perspektive" dominiert. Die Opfer unverhältnismäßiger Gewalt und die Angehörigen und Freunde von Menschen, die unter fragwürdigen Umständen bei Polizeieinsätzen ums Leben kamen, dürften das anders sehen.
Am Ende des Tages ziehen wir alle eine Uniform aus.
Das NDR-Team hat für sein Thema jedoch Gesprächspartner gefunden, die einen 30-minütigen Film tragen können: Der Hauptprotagonist ist ein Polizist aus Lübeck, der über die Folgen eines Routine-Einsatzes berichtet, bei dem er vor fünf Jahren so schwer verletzt wurde, dass ihm zwischenzeitlich die Berufsunfähigkeit drohte. Als zweite Person tritt ein Hauptkommissar aus Cuxhaven auf, der rechtlich gegen einen Verkehrssünder vorging, der ihn mit dem Tod bedroht hatte. Dieser Kommissar plädiert dafür, Polizisten nicht nur als Akteure und Repräsentanten des Staates zu sehen: "Am Ende des Tages ziehen wir alle eine Uniform aus, steigen in unser Auto oder aufs Fahrrad und fahren nach Hause und leben unser Leben."
Solche Diskussionsansätze verpuffen aber, weil das Autorenteam offenbar unbedingt vorhersehbare Passagen von linken Demos unterbringen wollte, damit sich das konservative Publikum über verbale Aggressionen und Protestfolklore gruseln kann. Ähnlich enttäuschend bleibt der Abschnitt über Gewalt im Umfeld von Fußballspielen.
Die erste "Klar"-Folge des BR im Regelbetrieb leidet unter ähnlichen Schwächen wie das Tanit-Koch-Debüt für den NDR. "Wo Islamisten Deutschland unterwandern" hat einen starken Hauptprotagonisten: den Muslim Erhan, der den mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf eine Demonstration in München überlebte. Zwei Menschen, ebenfalls Muslime, wurden dabei getötet.
Die Autoren erwähnen die unzureichende finanzielle Unterstützung für Menschen, die bei dem Anschlag verletzt wurden und heute arbeitsunfähig sind. Hier deuten sie an, dass der Film einen tieferen Blick auf die Folgen des Anschlags liefern könnte. Diesen Ansatz verfolgen sie aber nicht weiter. "Wo Islamisten Deutschland unterwandern" verliert sich stattdessen in für das Publikum unergiebigen bis langweiligen Einzelbeobachtungen. So machen die Autoren viel Aufhebens darum, dass sie herausgefunden haben, dass die Zertifizierung von Fleischprodukten als halal (also für gläubige Muslims erlaubt) unter anderem das Islamische Zentrum München vornimmt, das vom Bayerischen Landesamt für Verfassung als "extremistisches Beobachtungsobjekt eingestuft" wird.
Beide Folgen zeigen, dass das Format "Klar" immer noch nicht ausgereift ist, trotz aller Änderungen zwischen Pilot- und Regelbetrieb. Das Konzept, einen Film um einen Hauptprotagonisten zu bauen und dann magazinartig andere Aspekte und Schauplätze hinzuzufügen, die mal mehr, mal weniger zum Oberthema passen, funktioniert weiterhin nicht. Womöglich ist die Grundidee, ein Mischformat aus Doku und Magazin zu schaffen, einfach nicht gut.
infobox: "Klar: Zielscheibe Polizei - Pöbeln, Hass, Gewalt" mit Tanit Koch, Regie und Buch: Ann-Britt Bakkenbüll, Tanit Koch, Milan Panek, Kamera: Andreas Fritzsche, Sebastian Tögel (NDR/BR, 15.4.26, 22.00-22.30 Uhr und in der ARD-Mediathek); "Klar: Wo Islamisten Deutschland unterwandern" mit Julia Ruhs, Regie und Buch: Joseph Römel, Sabina Wolf, Kamera: Arndt Frenger, Uwe Gruszczynski, Ivo Yordanov (BR/NDR, 29.4.26, 22.00-22.30 Uhr und in der ARD-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 30.04.2026 15:51
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KBR. KNDR, Koch, Ruhs, Klar, Bakkenbüll, Panek, Römel, Wolf, Martens
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