09.06.2026 14:16
Wien (epd). Vier Männer und drei Frauen haben sich am Montagabend in der Sendung "ORF-Wahl 26: Vor der Entscheidung" bei ORF III als Bewerber für die Führung des ORF präsentiert. Der Stiftungsrat wird den neuen Generaldirektor oder die neue Generaldirektorin in seiner Sitzung am Donnerstag (11. Juni) wählen. Insgesamt sollen nach Medienberichten fast 100 Bewerbungen für die Position eingegangen sein. Die Stiftungsräte hatten bis Montagmittag 12 Uhr Zeit gehabt, einen Bewerber für die Wahl zu nominieren. Nach Medienberichten werden sich am Donnerstag zusätzlich die ehemalige ORF-Managerin Petra Höfer und die frühere ORF-Journalistin Sonja Sagmeister in der Sitzung des Stiftungsrats zur Wahl stellen. Beiden wurden nach einem Bericht des ORF von Stiftungsrätin Andrea Schellner nominiert.
Die sieben Kandidatinnen und Kandidaten, die sich am Montagabend in der ORF-Sendung präsentierten, sind Clemens Pig, der frühere Vorstandsvorsitzende der österreichischen Nachrichtenagentur APA, Kathrin Zierhut-Kunz, Kaufmännische Geschäftsführerin des Senders ORFIII, der Medienberater Robert Altenburger, früher Chefredakteur von Servus TV, der Medienmanager Johannes Larcher, ehemaliger General Manager von HBO Max International, Lisa Totzauer, Chefredakteurin der ORF-Magazine und ehemalige Channelmanagerin von ORF1. Eva Schütz, Herausgeberin des österreichischen Online-Boulevardmediums "Exxpress" und Markus Breitenecker, früheres Vorstandsmitglied von ProSiebenSat.1.
Teil unseres Lebens und der Demokratie.
Die sieben Kandidaten hatten in der Sendung zunächst jeweils drei Minuten Zeit, sich und ihr Konzept zu präsentieren. Anschließend beantworteten sie Fragen der Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher und aus dem Publikum.
Pig betonte in seiner Präsentation, der ORF sei "Teil unseres Lebens und unserer Demokratie". Er benannte drei Punkte seiner Reformagenda: Erstens "eine ORF-Redaktion der demokratischen Mitte, die jeder Kritik standhält. Das Ziel: Alle vertrauen den Nachrichten". Zweitens "unverwechselbare österreichische Programmmarken von Vorarlberg bis Wien". Drittens eine "kluge Rückeroberungsstrategie der Jüngeren".
Zierhut-Kurz betonte, Österreich brauche einen glaubwürdigen ORF. Dieser sei "zentraler Bestandteil der demokratischen Infrastruktur". Der Sender müsse "in den Journalismus investieren" und "journalistische Inhalte dort starkmachen, wo sie das Publikum sucht".
Ein moderner ORF muss auf allen Plattformen präsent sein.
Altenburger, der wie mehrere der Kandidatinnen und Kandidaten selbst einmal im ORF gearbeitet hat, betonte, der ORF dürfe sich nicht mehr als "Rundfunkanstalt" sehen: "Ein moderner ORF muss auf allen Plattformen präsent sein." Öffentlich-rechtliche Inhalte müssten online gestärkt werden. Der Sender müsse gezielt die 12- bis 29-Jährigen ansprechen, diese kämen dem ORF sonst abhanden.
Larcher warnte ebenfalls davor, dass der ORF das junge Publikum verliere. Er wolle den Sender durch "mehr Produktivität" zukunftsfit machen. Der ORF müsse mehr mit der österreichischen "creative community" zusammenarbeiten, forderte er.
Totzauer sprach das Publikum an, die "Eigentümerinnen und Eigentümer" des ORF: Sie stehe für Unabhängigkeit und werde Machtmissbrauch nicht zulassen, betonte sie.
Österreich, wie es leibt und lebt.
Schütz sagte, sie wolle einen ORF, der die "Zuschauer wieder in den Mittelpunkt stellt", einen ORF, "der alle Gebührenzahler mitnimmt". Sie wolle eine "transparenten ORF" und einen "wirtschaftlich geführten ORF". Wichtig sei ihr die "strukturelle Distanz von Politik und ORF".
Breitenecker sagte, der ORF sei "Österreich, wie es leibt und lebt". Der ORF sei wichtig für das "Wir-Gefühl, die österreichische Identität". Der ORF gehöre allen "und dient uns, und damit das so bleibt, muss sich der ORF verändern". Er warnte vor der Gefahr, "dass der demokratische Diskurs in die Social-Media-Plattformen abwandert". Der Sender brauche eine "unternehmerische Perspektive" für die Transformation.
Am Dienstag wurde außerdem bekannt, dass die derzeitige Generaldirektorin Ingrid Thurnher den ORF-Baumanager Pius Strobl freigestellt hat. Nach Medienberichten waren bei der ORF-Compliance-Stelle zahlreiche Hinweise zu einem möglichen Fehlverhalten von Strobl eingegangen. Im Frühjahr war bekannt geworden, dass Strobl 469.000 Euro pro Jahr bezog. Seine Bezüge lagen laut Transparenzbericht noch über denen des früheren Generaldirektors Roland Weißmann.
Die Wahl des neuen ORF-Generaldirektors wurde von August auf Juni vorgezogen, nachdem der damalige Generaldirektor Weißmann im März wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung zurückgetreten war. Nach Angaben des ORF hatte eine Mitarbeiterin des Senders gegenüber Weißmann Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben. Dieser bestreitet die Vorwürfe. Sein Anwalt Oliver Scherbaum teilte mit, obwohl sein Mandant die Vorwürfe bestritten habe und eine inhaltliche Überprüfung der Vorwürfe nicht erfolgt sei, sei dieser, "um Schaden vom Unternehmen abzuwenden", mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurückgetreten.
Der ORF kündigte Weißmann im April nach der Prüfung der Vorwürfe. Der Anwalt von Weißmann kündigte rechtliche Schritte gegen die "fortgesetzte rufschädigende Darstellung" durch den ORF an.
Seit März führt die frühere ORF-Radiodirektorin Ingrid Thurnher die Geschäfte des Senders, seit April ist sie bis Ende des Jahres als Generaldirektorin bestellt. Sie hatte Ende Mai mitgeteilt, dass sie sich nicht für die Position der Generaldirektorin bewerben werde. In einem Schreiben an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betonte sie, das gebe ihr die Freiheit, "nicht taktieren zu müssen".
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Zuerst veröffentlicht 09.06.2026 16:16 Letzte Änderung: 10.06.2026 15:50
Schlagworte: Medien, Österreiche, ORF, Personalien, Stiftungsrat, dir, Roether, NEU
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