19.08.2026 09:41
Wien (epd). Der Stiftungsrat des Österreichischen Rundfunks (ORF) hat den Jahres- und Konzernabschluss des Senders genehmigt. Wie der ORF nach der Sitzung des Stiftungsrats am 11. August mitteilte, bilanzierten sowohl der ORF als auch der ORF-Konzern positiv. Der Konzern habe 2025 Umsatzerlöse in Höhe von 1,133 Milliarden Euro erzielt. Davon stammten 742 Millionen aus dem ORF-Beitrag, 189 Millionen aus Werbung. Weitere 200 Millionen Euro seien durch "sonstige Umsatzerlöse" eingenommen worden. Der Stiftungsrat bestellte außerdem die vom designierten ORF-Generaldirektor Clemens Pig vorgeschlagenen Direktorinnen und Direktoren.
Die Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag lagen laut ORF um 10 Millionen Euro über denen des Vorjahrs. Die Einnahmen aus der Werbung seien dagegen um 9 Millionen Euro zurückgegangen. Die sonstigen Umsatzerlöse lagen um 1,0 Millionen Euro über dem Vorjahr.
Im Mai war bekannt geworden, dass die österreichische Regierung dem ORF rund 90 Millionen Euro "Abgeltung" streichen will. Der Sender hatte dieses Geld bisher als Ausgleich für den Vorsteuerabzug aus dem Bundeshaushalt erhalten. Politiker der regierenden ÖVP sprachen davon, dass der Sender einen Beitrag zur Budgetkonsolidierung leisten müsse. Dieses Geld wird nach Angaben des Stiftungsrats ab 2027 nicht mehr zur Verfügung stehen. Da die Einnahmen aus dem ORF-Beitrag und zusätzliche Sparmaßnahmen nicht ausreichen würden, werde die amtierende Generaldirektorin Ingrid Thurnher die Regulierungsbehörde Kommaustria davon in Kenntnis setzen, dass die Kosten des öffentlich-rechtlichen Auftrags nicht gedeckt seien.
Parallel bereite der ORF den Gang zum Verfassungsgerichtshof vor, kündigte Thurnher an. Nach Rechtsauffassung des ORF verstößt die kurzfristige und signifikante Veränderung in der Finanzierung gegen das Europäische Medienfreiheitsgesetz und die verfassungsrechtliche Finanzierungsgarantie.
Der designierte Generaldirektor des ORF, Clemens Pig, bezeichnete die Kürzung des Bundeszuschusses in einem Interview mit dem "Standard" (13. August) als "eine der größten Herausforderungen in der Geschichte des ORF". Er sprach sich dafür aus, das Modell der Haushaltsabgabe, das in Österreich 2024 eingeführt wurde, in der Verfassung abzusichern: "Ich finde, Journalismus und seine Finanzierung und die Finanzierung von öffentlich-rechtlichem Rundfunk sollten in der Verfassung verankert sein."
Von den Managern unter der derzeit amtierenden Generaldirektorin Thurnher bleiben nach Angaben des ORF nur der Direktor für Technik und Digitalisierung, Harald Kräuter, sowie fünf Landesdirektoren und -direktorinnen in ihren Ämtern. Sieben Posten werden neu besetzt. Die Amtszeit der neuen Direktorinnen und Direktoren beginnt am 1. Januar 2027 und endet am 31. Dezember 2031.
Neue Direktorin für Finanzen und Verwaltung wird Silvia Lieb, die seit 2004 Mitglied des Vorstands und seit 2024 Vorstandsvorsitzende (CEO) der österreichischen Medienholding Moser war. Sie folgt auf Eva Schindlauer, die seit 2021 Kaufmännische Direktorin des ORF ist. Zur Mediengruppe Moser gehören unter anderem die "Tiroler Tageszeitung", Life Radio Tirol und Tirol TV.
Neuer Direktor für "Programm und Brands" wird Michael Krön. Er ist nach Angaben des ORF seit mehr als 25 Jahren bei dem Sender tätig. Von 2012 bis 2018 leitete er die Programmentwicklung und das Qualitätsmanagement für Information, Dokumentation, Sport und Kultur. Ab 2018 war er in der Programmdirektion für die Finanzen zuständig, seit 2021 ist er Chefproducer. In diesem Jahr verantwortete er die Produktion des Eurovision Song Contest in Wien.
Neue Direktorin für "Audience und Plattformen" wird Angelika Simma-Wallinger. Sie ist seit 2022 Chefredakteurin des ORF Vorarlberg. Die bisherigen Direktorenposten für Radio und TV-Programm fallen weg. Radiodirektorin ist derzeit in Personalunion Ingrid Thurnher, Programmdirektorin für das Fernsehen ist Stefanie Groiss-Horowitz.
In fünf der neun Landesdirektionen gibt es Kontinuität: Nach Angaben des ORF bleiben Werner Herics als Landesdirektor Burgenland, Alexander Hofer in Niederösterreich, Klaus Obereder in Oberösterreich, Esther Mitterstieler in Tirol und Edgar Weinzettl in Wien. Neu bestellt wurden Martin Weberhofer in Kärnten, Gerd Schneider in Salzburg, Sigrid Hroch in der Steiermark und Julia Ortner in Vorarlberg. Auch ihre Amtszeiten beginnen am 1. Januar 2027 und enden am 31. Dezember 2031.
Pig sagte dem "Standard", mit der Direktorenbestellung sei ein "maximal unpolitischer, transparenter Prozess" gelungen". Er kündigte an, dass er sich für einen Vorstand für den ORF aussprechen werde. Die Alleingeschäftsführung entspreche nicht seiner Überzeugung, wie große Medienunternehmen geführt werden sollten. Als Generaldirektor wolle er mit allen Mitteln versuchen, die Unternehmenskultur im ORF "auf ein dieser Institution würdiges Niveau zu bringen". Er kündigte an, wenn er im Amt sei, wolle er "eine Art Bad Bank" einrichten "für alle Fälle, die die negative Vergangenheit des ORF betreffen". Er wolle sich "von all jenen Menschen trennen, die schädlich sind für diese Unternehmenskultur".
Im Gespräch mit dem "Standard" sprach sich Pig außerdem für Kooperationen mit privaten Medienunternehmen aus. Er denke an Sportrechte, eine gemeinsame Vermarktungsplattform für Werbung, gemeinsame Streaming-Plattformen und die gemeinsame Bewirtschaftung oder Nutzung von Archiven. Auch die Nachrichtenplattform "orf.at" könnte für Verlage geöffnet werden.
Pig war im Juni vom ORF-Stiftungsrat zum Generaldirektor gewählt worden. Die Wahl des neuen ORF-Generaldirektors war von August auf Juni vorgezogen worden, nachdem der frühere Generaldirektor Roland Weißmann im März zurückgetreten war. Nach Angaben des ORF hatte eine Mitarbeiterin des Senders gegenüber Weißmann Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben. Dieser bestreitet die Vorwürfe. Seit März führt Ingrid Thurnher interimistisch die Geschäfte des Senders.
Auf Vorschlag der amtierenden Generaldirektorin Thurnher bestellte der Stiftungsrat außerdem Matthias Seiringer als interimistischen Geschäftsführer der ORF-Vermarktungstochter ORF-Enterprise und Bettina Parschalk als Geschäftsführerin der ORF-Beitrags Service GmbH.
Der stellvertretende Sitftungsratsvorsitzende Gregor Schütze gab nach einem Bericht des "Standard" am Ende der Sitzung am 11. August seinen Rücktritt bekannt. Schütze, der Sprecher der ÖVP-nahen Stiftungsräte war, sagte, er wolle sich wieder ganz seiner Kommunikationsagentur Public Results widmen. Der Redaktionsausschuss des ORF hatte Schütze im April wegen seiner Beratertätigkeit das Misstrauen ausgesprochen.
Der von der FPÖ nominierte ORF-Stiftungsrat Peter Westenthaler brachte im August eine Popularbeschwerde gegen die Bestellung von Clemens Pig zum ORF-Generaldirektor bei der Medienbehörde Kommaustria ein. Er bezeichnete die Bestellung von Pig am 18. August als "abgekartetes Spiel". Sie verstoße "klar gegen den European Media Freedom Act". Das Verfahren sei weder transparent noch fair gewesen. Pig sei "ganz offensichtlich aus politischen Motiven aufgrund einer politisch akkordierten Besetzung mittels des ÖVP- und des SPÖ-Freundeskreises zum ORF-Generaldirektor gewählt worden", heißt es in der Beschwerde. FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker kritisierte, dass Pig bereits Personalentscheidungen treffe, obwohl er noch gar nicht im Amt sei.
In Österreich können die Bürger Popularbeschwerden bei der Kommaustria einreichen, wenn sie einen Rechtsverstoß im Rundfunk vermuten. Eine Popularbeschwerde gegen den ORF muss von mindestens 120 Beitragszahlern unterstützt werden. Nach Medienberichten wird die Beschwerde von Westenthaler von 360 Beitragszahlern unterstützt. Die Kommaustria muss nun prüfen, ob mit der Wahl gegen Bestimmungen des ORF-Gesetzes oder das Europäische Medienfreiheitsgesetz verstoßen wurde.
dir
Zuerst veröffentlicht 19.08.2026 11:41
Schlagworte: Medien, Österreich, Rundfunk, ORF, Roether, NEU
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