Mit der KI am Katzentisch - epd medien

30.01.2024 10:49

Lässt sich ein Krimi-Hörspiel innerhalb von fünf Tagen entwickeln? Und was kann KI dazu beitragen? Der BR-Podcast "In 5 Tagen Mord - Die Krimi-Challenge mit KI" will es wissen.

BR-Journalist Christian Schiffer und Comedy-Autorin Janina Rook stellen sich der Challenge

epd Nicht nur in der Formatentwicklung gilt in aller Regel der Grundsatz "Weniger ist mehr". Es gibt aber Instanzen, in denen auch "Viel hilft viel" zum Erfolg führen kann. Der BR-Podcast "In 5 Tagen Mord - Die Krimi-Challenge mit KI" ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Die Grundidee der Sendung ist einfach. Sie folgt der alten und fast immer erfolgreichen Reality-TV-Formel "Kreativität unter Zeitdruck", die seit Jahren alles von "Shopping Queen" bis "Motorsägen Masters" am Leben erhält. Konkret müssen zwei Personen innerhalb von fünf Tagen ein Retro-Krimi-Hörspiel schreiben. Und: Die Schreibenden dürfen beziehungsweise sollen generative Künstliche Intelligenz (KI) wie ChatGPT verwenden.

Was klingt wie der billige Versuch, eine angenehm straffe Idee durch das Andocken an Trendthemen zu verschlimmbessern, entpuppt sich als erfolgreiche Reflexion von Kulturtechnik im Jahr 2024. Auf der einen Seite das ständige Referenzieren auf beliebte Genres und kulturelle Strömungen aus der Vergangenheit, auf der anderen die aktuelle Veränderung von Kreativität durch das Aufkommen von neuen Werkzeugen. Die wiederum auch nur bereits Existierendes neu zusammensetzen können.

Durchgehend auf Aufgenhöhe

Damit das Publikum nicht nur dabei zuhören muss, wie zwei Personen fünf Tage lang in einem Studio sitzen, die Köpfe gegeneinanderschlagen und auf Tastaturen herumtippen, bekommen die beiden Kandidaten, der BR-Journalist Christian Schiffer und die Comedy-Autorin Janina Rook, in jeder Folge Gesprächspartnerinnen und -partner zur Seite gestellt. Sie sollen ihre Arbeit inspirieren und bewerten. Dazu gehören Volker Klüpfel, Co-Autor der Kluftinger-Krimis, Gregor Schmalzried, KI-Experte beim BR, und Anne Keßel, Schriftstellerin und Hörspiel-Autorin. Alle leisten wertvollen Input und sorgen dafür, dass auch die Zuhörerinnen und Zuhörer etwas lernen, sowohl über die Konzeption von Krimis als auch über die Arbeit mit KI. Die sitzt laut Schiffer und Rook nur "am Katzentisch", und schnell wird klar, wofür sie als Co-Autorin taugt und wofür nicht.

"In 5 Tagen Mord" würde in dieser etwas wilden Mischung trotzdem nicht funktionieren, wenn nicht zwei Dinge herausragen würden. Erstens: Schiffer und Rook, beide erfahrene Podcaster, haben eine hervorragende Chemie, kennen ihre Spezialgebiete innerhalb des Versuchsaufbaus (Schiffer: Technik, Rook: Humor), aber agieren durchgehend auf Augenhöhe. Beide wissen, dass sie in ihrem absurden Labor nur dann erfolgreich sein können, wenn sie eine Mischung aus ernsthaftem Ehrgeiz und viel Selbstironie mitbringen.

Ein bisschen klapprig

Zweitens: Das Drehbuch des eigentlichen Podcasts fasst die Geschehnisse unterhaltsam, persönlich und so kompakt zusammen, dass "In 5 Tagen Mord" nicht langweilig wird. Die Story, die über die Ereignisse der fünf Challenge-Tage erzählt wird, gibt den wichtigsten Gesprächsmomenten genug Raum, bleibt aber dennoch immer in Bewegung und wartet sogar mit überraschenden Wendungen auf - etwa wenn ein Weg auf der Basis von neuen Informationen wieder verlassen werden muss.

Natürlich gibt es Kritikpunkte. Dass die Narration, vor allem am Anfang jeder Folge, auf das Klischee des Hard-Boiled-Ich-Erzählers zurückgreift, hätte man lassen können. Auch sind die Zuhörenden bei wirklichen Momenten kreativer Inspiration nur selten dabei, vieles passiert dann doch versteckt hinter Formulierungen wie "Wir haben dann noch sehr lange daran gearbeitet". Grund dafür ist ironischerweise vor allem, dass man nicht zu viel vom späteren Hörspielplot verraten will. Was man dann in Folge 5 bei einem ersten "Table Read” zu hören bekommt, ist noch ein bisschen klapprig. Ehrlich, aber auch ein bisschen enttäuschend. Das im Nachgang final produzierte Resultat ist auf jeden Fall sehr charmant und klingt toll. Mehr Zeit hätte ihm trotzdem gutgetan.

Alles ändert aber nichts daran, dass "In 5 Tagen Mord" ein sehr kurzweiliges Experiment ist, nicht nur für Krimi- und KI-Fans, sondern für jeden, der sich für Kreativität im weitesten Sinne interessiert. Fortsetzung, vielleicht mit anderen Genres und Teilnehmerinnen und Teilnehmern, erwünscht.

infobox: "In 5 Tagen Mord - Die Krimi-Challenge mit KI", fünfteiliger Podcast mit Janina Rook und Christian Schiffer, Regie: Ron Schickler, Buch: Eva Deinert, Matthias Leitner, Janina Rook, Christian Schiffer, Sounddesign: Christoph Brandner, (ARD-Audiothek/BR, seit 30.1.24)



Zuerst veröffentlicht 30.01.2024 11:49 Letzte Änderung: 31.01.2024 13:56

Alexander Matzkeit