The show must go on - epd medien

13.05.2024 09:24

Nemo aus der Schweiz hat mit dem Song "The Code" das Finale des Eurovision Song Contest in Malmö gewonnen. Der deutsche Beitrag landete auf Platz zwölf. Überschattet war der Musikwettbewerb von antiisraelischen Protesten vor und in der Malmö Arena. Lukas Respondek fand die Buh-Rufe im Zusammenhang mit der Teilnahme der israelischen Sängerin Eden Golan schwer erträglich.

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Nemo mit der Siegestrophäe des Eurovision Song Contest

epd Wer hätte damit gerechnet? Zur großen Überraschung vieler Beobachter des Eurovision Song Contests gelang es Isaak, dem deutschen Kandidaten, beim ESC-Finale in Malmö, den jahrelang andauernden Misserfolgen Deutschlands beim ESC ein Ende zu setzen. Dass sein in den Augen vieler aussichtsloser Song "Always On The Run" einen für deutsche Verhältnisse überaus guten Platz 12 von 25 erreichen konnte, war wohl eine der erfreulichsten Überraschungen der vergangenen ESC-Woche - auch der Autor dieses Artikels hatte ihm wenig Chancen eingeräumt.

Nun stellen sich viele Fragen. Allen voran diese: Kann Radiopop beim ESC doch erfolgreich sein? Oder war es bloß Isaaks kraftvolle Stimme, die Deutschland einen lang nicht mehr erlebten Punkteregen aus vielen Ländern bescherte? Ein genauerer Blick auf die Votingergebnisse offenbart, dass 99 der 117 Punkte an Isaak von Jurys stammen, während ihm das internationale Publikum nur 18 Punkte spendierte. Eine Erkenntnis hieraus könnte sein, dass mit einer starken Stimme, die immer wieder als die größte (und einzige) Stärke des deutschen Beitrags Erwähnung fand, Jurys überzeugt werden können, so dass sich selbst ein musikalisch beliebiger Beitrag noch zum Erfolg mausern kann.

Den Code gebrochen

Internationaler Promi-Status allein genügt jedenfalls nicht, wie diesmal der Brite Olly Alexander erfahren musste. Obwohl er als Sänger der Band Years & Years sowie als Schauspieler ("It’s a Sin") sehr erfolgreich ist und eine beachtliche, von Homoerotik erfüllte Show ablieferte, erreichte er keinen Punkt im internationalen Televoting.

Wer den ESC gewinnen möchte, muss also Jurys und Publikum überzeugen. Geglückt ist das diesmal Nemo aus der Schweiz, einem Multitalent, das im Lied "The Code" einen wilden Ritt durch mehrere Genres unternimmt. Mit Rapstrophe und Operngesang erzählte Nemo darin von der Suche nach der eigenen non-binären Geschlechtsidentität und präsentierte dazu im rötlich-pinken Flausch-Outfit mit Rock auf einer beweglichen runden Plattform eine beachtliche Choreografie. "I broke the code", heißt es im Refrain des Lieds - und neben dem geschlechtlichen Binärcode zerbrach Nemo am Ende auch noch die Siegestrophäe, die dem vielseitigen Schweizer Act in der spannenden Finalshow in Malmö übergeben wurde.

Im Gegensatz zur von ARD, SRF und ORF koproduzierten Countdown- und Aftershow, die die Schweizer Freude nach Nemos Sieg im Keim erstickte, waren die drei vom schwedischen Sender SVT produzierten ESC-Shows großartig gelungen. Neben Malin Åkerman führte erneut Petra Mede witzig und pointiert durch die Shows. In den von ESC-Nostalgie und Selbstironie geprägten Shows scherzten die Moderatorinnen gekonnt und liebevoll über schwedische Erfolge, über finnische Rivalen und über die schwule ESC-Fangemeinschaft. Sogar eine gelungene Anspielung auf den Junior ESC des Vorjahres wurde in die Showmoderation eingebaut. Manch ein Pausenauftritt von Gaststars wie Vorjahressiegerin Loreen oder von virtuellen "Abbataren" war hingegen enttäuschend öde.

Harsche Vorwürfe gegen die EBU

Erstaunlicherweise gelang es sogar, die heftigen geopolitischen Debatten, die sich auch vor der Malmö Arena in großen Demonstrationen manifestierten, weitgehend aus den drei Shows herauszuhalten. The show must go on - aller Kritik zum Trotz. Die Teilnahme der israelischen Künstlerin Eden Golan mit dem zuvor mehrfach überarbeiteten, weil anfangs für das Reglement der European Broadcasting Union (EBU) zu eindeutig politischen Song "Hurricane" sorgte bei den pro-palästinensischen Fans für harsche Vorwürfe gegen die EBU, die den Rahmen sachlicher Kritik weit überschritten und online in hässlichste israelfeindliche Beschimpfungen gegen die 20-jährige Sängerin ausarteten, die ihren Aufenthalt in Malmö fast durchgehend in Hotelzimmern verbringen musste. Auch Tali, die in Israel geborene Vertreterin Luxemburgs, wurde online als Zionistin gebrandmarkt.

In sozialen Netzwerken kursierten Videos und Anschuldigungen, die das respektlose Verhalten zwischen Mitgliedern der israelischen und manch anderer Delegation dokumentieren sollten und zur Polarisierung der ungewohnt verhärteten Fanfronten beitrugen. Das unterirdische Verhalten der Kandidaten aus Griechenland und der Niederlande gegenüber der israelischen Kandidatin in einer Pressekonferenz nach dem zweiten Halbfinale war beschämend und offenbarte den offen giftigen Umgang unter den Kandidaten. Mobbing statt Miteinander so kurz vor dem Höhepunkt der ESC-Saison.

infobox: Das Finale des ESC verfolgten am 11. Mai zwischen 21 Uhr und 1 Uhr 7,38 Millionen Zuschauer im Ersten, das war nach Angaben des NDR ein Marktanteil von 36,8 Prozent. Beim ARD-Sender One waren es im Schnitt weitere 599.000 Zuschauerinnen und Zuschauer (Marktanteil: 3,0 Prozent). Insgesamt sahen 7,98 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die Musikshow im linearen Fernsehen in der ARD. Die Live-Streams des Finales in der ARD-Mediathek und auf eurovision.de wurden bis Mitternacht insgesamt knapp 1,4 Millionen Mal abgerufen. Im vergangenen Jahr hatten 7,45 Millionen Zuschauer das Finale im Ersten verfolgt, der Marktanteil lag bei 35,8 Prozent.

Verstärkt wurde die Anspannung durch die wenige Stunden vor dem Finale verkündete Entscheidung, dass der niederländische Kandidat Joost Klein disqualifiziert wird. Hintergrund waren nach Angaben der EBU polizeiliche Ermittlungen gegen den Niederländer nach einem Vorfall mit einem weiblichen Mitglied des Produktionsteams. Inmitten der unübersichtlichen Lage ist auch diese Entscheidung von Fans zur Stimmungsmache gegen Israel und gegen die EBU missbraucht worden.

Dem ESC-Chef Martin Österdahl schlug im Finale nach all diesen Vorkommnissen ein lautstarkes Pfeifkonzert mit Buhrufen entgegen, das die Kritik an den Entscheidungen der EBU auch für Fernsehzuschauer erahnbar machte. Dass bei der Punktevergabe im Finale Punkte für Israel sowie die Schalte nach Israel mit ebenfalls lauten Buhrufen kommentiert wurden, war schwer erträglich und trübte die Freude am eigentlich unpolitischen musikalischen Wettbewerb. Die in der Halle hörbaren Buhrufe und "Free-Palestine"-Ausrufe während der Auftritte der Israelin waren jedoch im Fernsehen kaum vernehmbar.

Israel auf dem zweiten Platz im Televoting

Mit einer spürbaren Gegenreaktion im Finale war spätestens zu rechnen, als der italienische Sender Rai Due am Ende des zweiten Halbfinals durch eine technische Störung die Abstimmungsergebnisse des italienischen Televotings einblendete, die, wie es im Nachhinein in einem Statement hieß, "völlig unvollständig" gewesen sein sollen. Mit rund 39 Prozent der Stimmen führte Israel dieses unvollständige Votingergebnis sehr deutlich an. Tatsächlich erreichte Israel - auch nach Votingaufrufen zahlreicher am ESC nicht interessierter Social-Media-Nutzer - im Finale in 15 Publikumsabstimmungen die Höchstpunktzahl, darunter auch im deutschen Televoting. Insgesamt landete Israel im Finale auf dem zweiten Platz des Televotings.

Der Eindruck, dass hier angesichts des Nahostkonflikts und der verständlicherweise medial besonders hervorgehobenen Teilnahme Israels am ESC massenweise Solidaritätsabstimmungen für Israel vorgenommen wurden, liegt auf der Hand. Die Juryabstimmungen erscheinen dadurch als Dämpfer für wettbewerbsfremde Solidaritätsbekundungen durch Publikumsabstimmungen unverzichtbar. Wünschenswerter wäre aber, dass sich allen voran die Teilnehmer und ihre Delegationen bemühen, Gemeinsamkeiten wie die Freude an der Musik zumindest für die Zeit des Wettbewerbs über politische Differenzen zu stellen.

Zwischenmenschliche Antipathien

Das ist dieses Jahr leider nicht gelungen, sodass der ESC seinem eigenenen Anspruch, als unpolitischer Musikwettbewerb Nationen durch Musik zu vereinen, in diesem Jahr nicht gerecht werden konnte. Das beschämende Verhalten einiger Fans und Kandidaten hat gezeigt, dass das faire Miteinander ohne ein Mindestmaß an Anstand und Respekt nicht möglich ist. Zu viele Beteiligte haben ihre politischen Positionen und ihre zwischenmenschlichen Antipathien öffentlich ausgetragen und damit der Vorfreude der ESC-Fans erheblich geschadet. Der vereinende Charakter des Wettbewerbs, der dieses Jahr erneut unter dem Motto "United by Music" stattfand, ist eine Illusion, wenn politische Uneinigkeit das Geschehen dominiert.

Umso wichtiger war, dass sich die ARD in Begleitsendungen zum ESC nicht auf die Berichterstattung zur Sicherheitslage in Malmö und zur Teilnahme Israels beschränkte, sondern sich auch anderen Künstlern und ihren Songs widmete. Im Laufe der ESC-Woche geschah dies in täglichen Ausgaben des NDR-Podcasts "ESC Update" sowie in vier interaktiven Live-Sendungen unter dem Motto "Alles Eurovsion" in der ARD-Mediathek, in denen das fachkundige Online-Team des NDR in Malmö in entspannter Wohnzimmer-Atmosphäre und in Einspielern humorvoll über Proben, Halbfinals und vor allem über Songs und Künstler sprach. Dass das Team um Alina Stiegler und Constantin Zöller den Musikwettbewerb ernstnahm, war eine Wohltat angesichts der sehr ernsten Entwicklungen und des verrohten Umgangstons in diesem Jahr.

Bedauerlich bleibt, dass die "ESC-Songcheck"-Reihe des NDR, die zuletzt jeden Song eines Jahrgangs ausführlich besprochen hatte, ausgerechnet in diesem Jahr, in dem die Lieder in den Hintergrund zu rücken drohten, gestrichen wurde. Das restliche Begleitprogramm der ARD war erneut weitgehend rückwärtsgewandt, sei es in der von Fans gelobten Dokumentation "ABBA - Die ganze Geschichte" oder in der Sonderprogrammierung des HR-Fernsehens, das mehrere rund 50 Jahre alte deutsche Grand-Prix-Vorentscheide aus dem Archiv gekramt hat. Soche Angebote nehmen viele ESC-Anhänger zwar voller Freude und Dankbarkeit an. Doch die ursprünglich vorgesehene Programmplanung, die die gleichzeitige Ausstrahlung der ABBA-Doku im Ersten, eines Vorentscheids im HR und des Live-Halbfinals aus Malmö in One vorsah, lässt an funktionierenden Programmabsprachen innerhalb der ARD zweifeln.

Neuer ESC-Kommentator

Dass es mehr um die Musik ginge, wäre nicht nur im Begleitprogramm, sondern auch beim deutschen ESC-Kommentar wünschenswert gewesen: Wo Peter Urban noch zwischen seinen meist nicht allzu raffinierten Witzchen musikalische Einordnungen zu vielen dargebotenen Liedern vorgenommen hatte, beließ es sein Nachfolger Thorsten Schorn bei eher oberflächlichen Anmerkungen, dier er überflüssigerweise sowohl in den Halbfinals als auch im Finale mit aktuellen Ergebnissen der Fußballspiele garnierte, die parallel stattfanden. Solche deplatzierten Querverweise auf andere Wettbewerbe lassen den ESC unbedeutender wirken als er ist.

Schorns Humor hingegen setzt den Stil seines Vorgängers so konsequent fort, dass man sich an den neuen Sprecher schnell gewöhnen konnte. Allerdings unterliefen ihm vor allem im zweiten Halbfinale unüberhörbare Patzer. Dass ihm auch die Aussprache des sehr langen estnischen Songtitels nicht auf Anhieb gelungen ist, obwohl er zuvor in mehreren Interviews betont hatte, dass er diesen Titel noch üben werde, können ihm eingefleischte ESC-Fans vielleicht noch verzeihen.

Schwerwiegender erscheint Schorns fahrlässig verkürzte Einordnung der Kritik an der israelischen Teilnahme. Den von den Kritikern gezogenen Vergleich des russischen Angriffskriegs mit Israels Vorgehen im Gazastreifen gab er wieder, ohne darauf zu verweisen, dass diese Geschehnisse nicht vergleichbar sind. Das wäre jedoch angesichts der Tatsache, dass dieses Thema den Wettbewerb leider prägte, angebracht gewesen.

Wer übernimmt den ESC in der ARD?

Ratsam wäre zudem, den Teilnehmern anderer Länder, die sich hinter dem deutschen Act platzieren konnten, nicht zu hochnäsig gegenüberzutreten. Schorns Anmerkung, die nur auf dem vorletzten Platz gelandete Österreicherin Kaleen habe "ihre drei Fans dabei" und man müsse ihr schlechtes Ergebnis schönreden können, missfiel ihr erkennbar.

Bei der mehr als berechtigten Freude über die deutsche Platzierung im Mittelfeld gilt es nun, nicht überheblich zu werden. Anstatt sich jetzt auf diesem Erfolg auszuruhen, müssen in der ARD ganz grundlegende Fragen geklärt werden. Denn während die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) bereits eine Taskforce gebildet hat, die an der Ausrichtung des nächsten ESC arbeitet, ist nach vielen Gerüchten über einen Wechsel des verantwortlichen Senders immer noch nicht klar, welche ARD-Anstalt im nächsten für den ESC zuständig ist.

Bis diese Fragen geklärt sind, wird Zeit vergehen, die zur Organisation eines Auswahlverfahrens und zum Casting des nächsten deutschen Vertreters dringend nötig wäre, damit 2025 der nächste Erfolg gefeiert werden kann. Und zwar in einer hoffentlich für alle angenehmeren und friedvolleren Atmosphäre als dieses Jahr in Malmö.

Lukas Respondek Copyright: Foto: Fernsehserien.de Darstellung: Autorenbox Text: Lukas Respondek ist Fernsehkritiker und Redakteur bei fernsehserien.de und TV Wunschliste. Seit 2020 wirkt er als Juror und Mitglied der Nominierungskommission an der Auswahl für den Grimme-Preis mit.



Zuerst veröffentlicht 13.05.2024 11:24 Letzte Änderung: 14.05.2024 12:29

Lukas Respondek

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Musik, Eurovision Song Contest, EBU, ARD, Respondek, NEU

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