NDR-Prüfung zu Rezo-Vorwürfen gegen "STRG_F" dauert an - epd medien

24.05.2024 11:01

Youtuber Rezo bei seinem Vortrag "Exposed: Wie Influencer ihre Werbekunden verarschen" auf der Digitalmesse DMEXCO 2022

Hamburg (epd). Beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) laufen seit mehreren Monaten Prüfungen zu den Vorwürfen, die der Youtuber Rezo gegen die Berichterstattung des Reportage-Formats "STRG_F" erhoben hatte. Infolge der Kritik von Rezo habe der NDR im Januar eine interne und externe Prüfung eingeleitet, erklärte der Sender auf epd-Nachfrage.

Bei der externen Prüfung gehe es um "eine unabhängige, journalistische Überprüfung ('Peer Review') der Aufarbeitung der Vorwürfe von Rezo", teilte der NDR mit. Die Namen der externen Prüfer wollte der Sender nicht nennen. Er machte auch keine Angaben dazu, wann die interne und die externe Prüfung beendet sein sollen und Ergebnisse vorliegen.

Die "STRG_F"-Redaktion ist beim NDR angesiedelt. Sie produziert seit 2018 Reportagen für Funk, das von ARD und ZDF betriebene Online-Jugendangebot. Die Filme werden auch auf Youtube veröffentlicht, wo STRG_F rund 1,2 Millionen Abonnenten hat. Zielgruppe von "STRG_F" sind Unter-30-Jährige. Die Reihe zählt zu den Presenter-Formaten.

Reportage zu Nahrungsergänzungsmittel

Im November 2023 hatte "STRG_F" eine Reportage zum Nahrungsergänzungsmittel-Unternehmen More Nutrition mit Sitz in Elmshorn bei Hamburg veröffentlicht. Das rund 30 Minuten lange Stück mit dem Titel "More Nutrition: Wie ehrlich sind die Versprechen?" setzte sich kritisch mit den Produkten des Unternehmens auseinander. In der Reportage kam auch Rezo in einem Nebenaspekt vor, der für das Unternehmen in der Vergangenheit Werbung gemacht hatte.

Nach der Veröffentlichung kritisierte Rezo Anfang Dezember massiv die Macher der Reportage in einem auf Youtube veröffentlichten Video. Er warf der Redaktion unter anderem vor, journalistisch unsauber gearbeitet und "bewusste Unwahrheiten" verbreitet zu haben.

Dabei thematisierte Rezo auch eine Anfrage der Redaktion an ihn selbst und kritisierte etwa die kurzen Fristen, die ihm gesetzt worden seien, um Fragen zu beantworten. Inhaltlich ging es in der Anfrage an Rezo unter anderem um seine Werbeaktivitäten für More Nutrition. Vor der Veröffentlichung hatte Rezo der "STRG_F"-Redaktion in einem Hintergrundgespräch gesagt, er sei gerade dabei, einen Aufhebungsvertrag mit More Nutrition umzusetzen. In der online gestellten Reportage hieß es dann aber, dass sich Rezo nicht von More Nutrition trenne.

Rezo-Aspekt aus dem Film herausgeschnitten

Mitte Dezember reagierte die "STRG_F"-Redaktion in einem Video auf Rezos Kritik und rechtfertigte das eigene Vorgehen. So hätte Rezo die Information zum Aufhebungsvertrag aus dem Hintergrundgespräch noch schriftlich der Redaktion geben müssen, damit man diese im Film hätte verwenden dürfen, argumentierte sie. Zugleich räumte die Redaktion ein, mit dem vorhandenen Wissen hätte man den Satz in der Reportage anders formulieren sollen. Mittlerweile sei der Satz aus dem Film herausgenommen worden. Bei der Community auf dem Youtube-Kanal von "STRG_F" stießen die Erklärungen der Redaktion überwiegend auf Ablehnung.

Anfang Januar 2024 veröffentlichte Rezo ein zweites Video, in dem er weitere Kritik an der Redaktion übte. Daraufhin erklärte "STRG_F" Mitte Januar auf Social-Media-Kanälen, man arbeitete "die Kritik von Rezo intensiv auf". Bei Rezo wolle sich die Redaktion entschuldigen. Man hätte ihm mehr Zeit für die Beantwortung von Fragen geben müssen. Die Redaktion entschied auch, den insgesamt rund 80 Sekunden langen Aspekt zu Rezo ganz aus dem Film herauszuschneiden. Diese gekürzte Fassung der Reportage ist weiter auf dem Youtube-Kanal von "STRG_F" abrufbar.

"Ein riesengroßes Glaubwürdigkeitsproblem"

Es sei "noch deutlicher geworden, dass wir Abläufe, Strukturen und auch unseren Umgang mit Fehlern verbessern müssen, damit so etwas nicht noch einmal passiert", erklärte die Redaktion weiter. "STRG_F" veröffentliche seit nahezu sechs Jahren fast jede Woche eine Reportage. Man ringe darum, "beste Qualität" zu liefern: "Doch offensichtlich passieren dabei auch Fehler."

Der Funk-Chef für ARD-Content, Stefan Spiegel, sagte im Januar bei Deutschlandfunk Kultur, es gebe "ein riesengroßes Glaubwürdigkeitsproblem" bei "STRG_F". Eine "sehr große Community auf Youtube" vertraue dem Format nicht mehr. Man müsse dieses Vertrauen wiederherstellen, dazu gehörten etwa eine "sehr offene Fehlerkultur" und "eine so groß wie mögliche Transparenz".

Im Februar erklärte die "STRG_F"-Redaktion, sie habe die "Winterpause verlängert, um jeden Stein einmal umzudrehen". Die letzte Reportage veröffentlichte "STRG_F" Mitte Dezember 2023 über die Armut von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

Kritik aus dem Rundfunkrat an "Funkstille"

Dass "STRG_F" nun "das ganz ganz große Büßerhemd" angezogen habe und es seit mehreren Monaten Funkstille gebe, sei "eine so unangemessene Reaktion", erklärte NDR-Rundfunkratsmitglied Anja Kramer am 17. Mai in der Sitzung des Gremiums, in der es auch kurz um "STRG_F" ging. Kramer, Vertreterin des DGB-Verbands Niedersachsen, sagte weiter, sie hätte sich "vielmehr gewünscht, dass man sich so klar vor diese Redaktion stellt". Das wolle sie jetzt tun. Zwar seien bei "STRG_F" auch Fehler gemacht worden, doch insgesamt mache die Redaktion eine "hervorragende Arbeit".

NDR-Programmdirektor Frank Beckmann erklärte daraufhin in der Rundfunkratssitzung: "Wir stehen zur Redaktion 'STRG_F'". Das wolle er "sehr sehr deutlich" machen. Mit Blick auf die Redaktion sagte er, es sei der richtige Weg, "wenn wir sagen, ihr kriegt jetzt mehr Möglichkeiten, mit weniger Output Inhalte gestalten zu können".

Der Programmausschuss des NDR-Rundfunkrats hatte am 7. Mai in einer nicht-öffentlichen Sitzung auch über Presenter-Formate beraten. Zu diesem Thema war Janis Brinkmann, Professor für Publizistik in der digitalen Informationswirtschaft an der Hochschule Mittweida, als Experte eingeladen. Der Ausschussvorsitzende Jens-Peter Kruse sagte im Rundfunkrat, Brinkmann habe "STRG_F" als Presenter-Format sehr gelobt. Gleichwohl habe der Experte auf Probleme bei solchen Reportagen hingewiesen.

Im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung hatte Brinkmann im vorigen Jahr eine Studie über fünf Presenter-Formate von Funk vorgelegt. Nach seiner Ansicht brechen diese Formate mit vielen der klassischen journalistischen Normen und setzen "statt auf nüchterne Information radikal auf Subjektivität, Personalisierung und Emotionen".

vnn



Zuerst veröffentlicht 24.05.2024 13:01